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Condemned

Zum Sterben liegen gelassen

 
Es sollte ein relativ normaler Einsatz für Ethan Thomas werden. Der Matchmaker hat erneut zugeschlagen und seine Opfer entstellt zurückgelassen, drapiert wie Schaufensterpuppen. Am Tatort angekommen stellt das Ermittlerteam dann fest, dass der Killer noch im Haus ist. Bei der nun folgenden Hetzjagd durch das verfallene Gebäude sterben zwei Polizisten, getötet mit eurer Waffe. Der Killer entkommt und Ethan bleibt alleine zurück. Tat- und Hauptverdächtiger seid nun plötzlich ihr selbst und müsst auf eigene Faust und fast ohne Unterstützung das Gegenteil beweisen. Eine Verfolgungsjagd beginnt, die an große Thriller wie Sieben oder SAW erinnert und sich in Sachen Spannung und Atmosphäre nicht hinter diesen Vorbildern zu verstecken braucht. Condemned ist zweifelsfrei eines der besten Launchgames aller Zeiten. Die Geschichte trägt einen Großteil dazu bei und überrascht euch im Spielverlauf mit nahezu unglaublichen Wendungen und einem düsteren Geheimnis.



Zimperlich darf Ethan bei seinen Ermittlungen nicht sein. Bei Condemned steht die Konfrontation mit diversen Gegnern oft im Mittelpunkt und es gilt die Regel, dass jeder Kampf euer letzter sein kann. Kanonenfutter sind die Widersacher nicht, die sich zumeist aus Junkies oder abgewrackten Obdachlosen zusammensetzen. Auf Distanz halten kann man die Feinde nicht, brüllend stehen euch die Wahnsinnigen meist direkt gegenüber und gehen wild fuchtelnd auf euch los. Blocken ist immens wichtig und im richtigen Moment darf dann zum Konter angesetzt werden. Mit Eisenstangen oder Holzbrettern schlagt ihr den Gegnern den Schädel kaputt und brecht ihnen kurz darauf das Genick. Condemned entführt euch in eine raue Welt, düster und brutal bis ins kleinste Detail. Widersacher, die benommen auf die Knie sinken, werden totgeschlagen und mit Hilfe der Umgebung umgebracht. Condemned ist dabei so eiskalt wie ich es selten erlebt habe. Ausnahmsweise kann ich nachvollziehen, wieso Sega das Spiel gar nicht erst bei der USK angemeldet hat.

Die trockene und allgegenwärtige Gewalt verdichtet die Atmosphäre enorm. Man ist angespannt, hochkonzentriert und fürchtet bei Condemned einfach ständig um die eigene Gesundheit. Schusswaffen bekommt ihr nur selten in die Hände und sicher fühlt man sich erst mit Vorschlaghammer und Co. Diese Werkzeuge könnt ihr auch nutzen um Türen zu öffnen oder Schlösser zu knacken. Trotz dieser Möglichkeiten gibt sich Condemned relativ beschränkt was alternative Routen etc. betrifft. Es ist ziemlich linear und wer nicht alle Aufgaben in einem bestimmten Areal erledigt, der kommt auch nicht weiter. Das erlaubt den Entwicklern allerdings ihre kranken Ideen besser umsetzen zu können. Ohnehin war man bei Monolith auf gruselige Weise kreativ, beginnend schon bei den Schauplätzen: Unter anderem seid ihr in einer verlassenen Schule oder einem zertrümmerten und verwahrlosten Kaufhaus unterwegs, also Orten die Urängste wecken und in denen Ethan seine Ermittlungen fortführt. Dazu bedient ihr euch nicht ausschließlich der blanken Gewalt, sondern auch eurer forensischen Werkzeuge. Die Tatorte wollen untersucht werden, weshalb ihr Proben nehmt, Blutspuren folgt, Fotos schießt und Beweise einsammelt. Nicht jeder bei der Polizei hält euch für den Killer, weshalb ihr immer noch begrenzten Zugriff auf Datenbanken und Co. habt. Langsam kommt immer mehr Licht ins Dunkel und die Ermittlungsarbeiten stehen Condemned gut zu Gesicht. Ein gelungener Kontrast zu den knallharten Auseinandersetzungen mit den Verrückten.



Dass wir es mit einem relativ linearen Spiel zu tun haben deutete ich bereits an, trotzdem kann man Condemned einen gewissen frischen Wind nicht absprechen. Ein Spiel aus der Ego Perspektive, das weitestgehend ohne Schusswaffen auskommt, bei dem die Story im Vordergrund steht und man selber Beweise sammelt um voran zu kommen? Das gibt es nicht oft. Darüber hinaus setzt Condemned dank der neuen Konsole optisch neue Maßstäbe: Die Schauplätze sind realistisch und voller Details, die Texturen knackscharf und imposant. Während man auf 4:3 Geräten mit großen Balken leben muss, entfaltet sich auf Plasmas und LCDs eine großartige Optik mit tollem eigenen Stil. Nur wenn es mal schnell wird, dann macht sich ein übles Ruckeln bemerkbar. Gut, dass das Spieltempo eher langsam ist. Auch die 5.1 Abmischung begeistert und unterstützt vor allem die trockene Gewaltdarstellung. Man scheint es förmlich zu spüren, wenn man dem Gegner mit einem Brecheisen den Schädel spaltet. Stets im Hintergrund bleibt die tolle Musik, die wie in einem Film das Treiben hochspannend untermalt.

Das größte Problem von Condemned ist am Ende des Spieltages womöglich der knapp bemessene Umfang. Auch hier werfe ich mich aber schützend vor die Entwickler. Lieber einen acht Stunden langen Thriller der mich nicht mehr loslässt, als 20 Stunden mit Längen und langweiligen Passagen. In meinen Augen wurde hier nahezu alles richtig gemacht und Condemned verpasst mir schon beim Gedanken daran erneut eine (wohlige) Gänsehaut.



Note: sehr gut

 
Genre: Action

Entwickler: Monolith Productions
Publisher: Sega

Release: Dezember 2005
getestet: Dezember 2005 // Xbox 360 // pal at