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Bayonetta

Brillenträger schlägt man nicht

 
Nach einer Weile im Spiel habe ich mir nur noch eine Frage gestellt: Ist Bayonetta die perfekte Frau oder nicht? Ziemlich sexy, eine ausgeprägte Leidenschaft für große Kanonen, nicht interessiert an Kindern (aber daran wie man sie macht) und unter Garantie eine Freundin diverser Fetische. Dass sie hauptberuflich Engel abschlachtet und mit der dunklen Seite paktiert, gut, das ist die Kehrseite der Medaille. Bevor ich mir also weiterhin Gedanken um den Heiratsantrag mache, begnüge ich mich damit, Bayonetta durch eine Welt voller abgefahrener Gegner zu steuern die nach Strich und Faden verprügelt werden. Das ist äußerst stylisch, lässt euch keine Zeit für Verschnaufpausen und überrascht mit fantastischen Endgegnern.

Ohne jeden Zweifel sind die Kämpfe der Schwerpunkt von Bayonetta. Die schwarze Hexe bewegt sich galant durch die engen aber fantasievollen Level und meist dauert es nur wenige Augenblicke, bis sich bizarre Kreaturen vor euch auftürmen. Güldene Engel um genau zu sein, die hinter der himmlischen Schale aber bitterböse Absichten verstecken - jedenfalls aus Sicht der Heldin. Die hat vorgesorgt: Pistolen in den Händen, Pistolen an den Stiefeln und schon geht die Post ab. Fast schon intuitiv hämmert man auf die Tasten und kann bereits zu Beginn schöne Kombos vom Stapel lassen, die den Gegnern ordentlich einheizen. Das Ganze erinnert stark an Devil May Cry und bietet eine ziemlich ähnliche Spielerfahrung. Bayonetta ist rasend schnell und lässt euch kompromisslos einen Gegner nach dem anderen auseinandernehmen. Das passiert sehr stilvoll und entpuppt sich als wahres Effektgewitter: Die agile Hexe tritt und schlägt sich durch die Horden, ballert aus der Ferne mit ihren Kanonen und hat natürlich einen bunten Blumenstrauß Spezialangriffe im Gepäck. Mit deren Hilfe verlangsamt ihr das Geschehen oder löst mächtige Folterangriffe aus, die den Engeln meist sofort die Lebenslichter ausblasen. Das bringt viel Abwechslung mit in die Kämpfe, denn nicht jeder Gegner ist für jeden Angriff empfänglich. Die teilweise sehr mächtigen Kreaturen wollen alle eine Spezialbehandlung und sollte ein mächtiger Zauberangriff mal keine Wirkung zeigen, kann man immer noch eine der vielen Waffen aufheben. Ein Kombozähler läuft übrigens die gesamte Zeit über mit und bewertet am Ende eure Eleganz und natürlich die Schnelligkeit. Egal ob in der Luft oder am Boden, Bayonetta donnert den Gegnern ihre Angriffe um die Ohren und als Spieler beginnt man unweigerlich zu grinsen. Wer sich also ein wenig Zeit nimmt die Steuerung zu perfektionieren und nicht vergisst ständig auszuweichen, der wird bestens unterhalten.



Ist der Kampf dann vorbei gibt es eine kurze Statistik und meist wird ein Checkpoint gespeichert. Eine sinnvolle Sache, denn leicht ist Bayonetta nicht. Man muss auch in den hektischsten Gefechten genau wissen was man tut und hat wenig Ruhephasen während des Spiels. Das fällt besonders bei den zahlreichen gigantischen Endgegnern auf. Die sind ein enormer Gewinn für das Spiel und überraschen euch mit wahnwitzigen Angriffen und sehen schlichtweg grandios aus. Große, glühende Golems, gespenstisch schwebende, detailliert verzierte Engelsgesichter, die aber wenig später ihr wahres Ich präsentieren. Freunde von ausgefallenem Design kommen voll auf ihre Kosten. Ein guter Zeitpunkt übrigens, um kurz mal ein paar Worte zur Technik zu verlieren: Bayonetta hat viele Schwächen, vor allem die Texturen glänzen nicht immer. Die Entwickler haben es jedoch geschafft die Unzulänglichkeiten gekonnt unter den Teppich zu kehren - nur wer wirklich darauf achtet entdeckt die unschönen Momente. Im Vordergrund tobt dauerhafte Action, es gibt haufenweise Effekte und Spezialattacken zu bestaunen und während ihr euch durch die wirklich schön designten und sehr extravaganten Level bewegt, genießt ihr die flüssige Darstellung und die enorm unterhaltsamen Zwischensequenzen. Durch und durch japanisch, genau wie das Spiel an sich.



Aus diesem Grund sollte es auch niemanden überraschen, dass Bayonetta sich ideal für Highscorejäger und Speedrunner eignet. Hierbei geht es dann nicht um Abkürzungen und Tricks, sondern um rasante Kämpfe und die entsprechende Bewertung dazu. Schön also, dass man als Spieler immer stärker wird. Im Shop kann man neue, sehr teure, Kombos und Manöver erstehen und Bayonetta das ein oder andere Update verpassen. Das motiviert und lädt auch nach dem Abspann dazu ein, einige Level erneut zu beenden. Die musikalische Untermalung, die ich fast vergessen hätte, ist ebenfalls sehr japanisch, wild und passt richtig gut zum Spiel. Überrascht war ich allerdings nicht, klingt fast schon typisch. Die englische Sprachausgabe erzählt euch die zunächst sehr wirre Geschichte von Bayonetta, den Umbra-Hexen und der kleinen Cereza, was im Spielverlauf aber irgendwann mehr Sinn ergibt. Ich finde die Story nicht wahnsinnig gut, aber die exotische Atmosphäre muss man einfach mögen.

Bayonetta ist ein etwas anderes Actionspiel. Sicher, stark inspiriert von Devil May Cry, was dem Spiel aber nicht die Faszination raubt. Auf blutige Art und Weise reisst ihr Engel auseinander, ergötzt auch an den sexy Folterattacken der heißen Hexe und rast auf euren Stiefeln durch eine abstruse Welt. Drei Schwierigkeitsgrade die euch wirklich fordern, ironische Charaktere und über zehn Stunden Spielzeit sprechen definitiv für das Spiel. Da vergesse ich getrost die sehr geradlinigen Level und den Mangel an Rätselkost.



Note: gut

 
Genre: Action

Entwickler: Platinum Games
Publisher: Sega

Release: Januar 2010
getestet: Februar 2010 // Xbox 360 // pal uk