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Alan Wake

Von der Dunkelheit zerfressen

 
Immer wieder sagten die Leute "Was? Du hast es nicht gespielt? Spinnst du, du Arsch?" Der Vorwurf traf mich direkt ins Herz, aber er war berechtigt. 15 Monate lang stand Alan Wake ungespielt bei mir im Schrank. Sogar die beiden Download Episoden hatte ich mir schon heruntergeladen. Doch erst jetzt, vor wenigen Tagen, habe ich Alan Wake beendet. Ein Spiel, das mich schlicht und ergreifend umgehauen hat. Entwickler Remedy beherrscht die ganz hohe Kunst eine Geschichte zu erzählen, die reif, durchdacht, unsagbar spannend und grandios präsentiert wird. Das Action Adventure setzt auf ungemein dichte Atmosphäre, vielschichtige Charaktere und reisst euch in einen Albtraum aus Dunkelheit und Chaos.

Erst saß ich wie paralysiert vor dem Abspann, dann hielt mich nichts mehr auf der Couch. Wow, was war das für ein Spiel! Aufgewühlt bin ich durch die Wohnung getobt, wusste gar nicht wohin mit mir. Alan Wake ist sicherlich nicht frei von Makeln, wirkt an einigen Stellen sogar dezent eintönig, ist aber unterm Strich ein wirklich herausragendes Abenteuer. Vergessen sind die 15 Monate, in denen ich dachte ich hätte es umsonst gekauft. In der Haut von Bestseller Autor Alan Wake habe ich mich richtig wohl gefühlt. Leider fühlt er sich in seiner eigenen Haut derzeit nicht ganz so wohl: Von einer Schreibblockade geplagt, entschließt sich Alan mit seiner attraktiven Frau Alice für eine Auszeit im hübschen kleinen Örtchen Bright Falls. Nachdem ihr mit der Fähre übergesetzt habt, begegnet ihr den ersten Einwohnern der kleinen Stadt, die ganz begeistert sind den Star kennenzulernen. Nachdem die ersten 20 Minuten sehr sanft beginnen, werdet ihr mehr oder weniger schlagartig aus der friedfertigen Stimmung gerissen: Alice ist entführt worden, ihr seid nach einem Autounfall schwer verletzt und Hilfe ist nicht in Sicht. Augenblicke später haltet ihr die Seite eines Buches in der Hand, die aus eurer Feder stammt - nur das ihr euch nicht daran erinnern könnt es geschrieben zu haben. Als dann auch noch eine lauthals brüllende Gestalt mit einer Axt auf euch zu marschiert, hat die Geschichte endlich begonnen. Intensiver als ein Thriller im Kino, darauf könnt ihr euch verlassen. Begründet ist dies in der tollen Art und Weise wie Alan Wake erzählt wird. Viele Zwischensequenzen und Dialoge, allen voran aber die Erzählstimme von Alan selber, der euch seine Gedanken offenbart. Klappt super und dank glaubwürdigen Figuren und dem sehr spannend inszenierten Plot bleiben keine Wünsche offen.



Getragen wird Alan Wake definitiv von dieser Magie, allerdings nicht ausschließlich. Euer Gegner ist die Dunkelheit. Sie lebt, hat einen eigenen Willen und ist unsagbar mächtig. Sie benutzt menschliche Körper und leblose Gegenstände um euch zu töten und immer wieder habt ihr mit den Wesen aus dem Schatten zu tun. Sie schwingen rostige Haken, Kettensägen oder schmeissen mit Messern, schälen sich gespenstisch aus dem Dunkel und marschieren wie besessen direkt auf euch zu. Eure wichtigste Waffe ist das Licht, meist in Form des hellen Strahls eurer Taschenlampe. Damit verdrängt man die Dunkelheit und kann die Widersacher danach töten. Ganz ohne Pistole, Schrotflinte und Co. funktioniert es also nicht. Alan kann gekonnt sämtlichen Angriffen ausweichen, ab und an ist die Flucht in das sichere Licht einer Laterne jedoch eure letzte Rettung. Das Spiel mit Licht und Schatten ist beim Kampf gegen das Dunkel unheimlich wichtig und so ziemlich das größte Thema bei Alan Wake. Eure stärksten Waffen sind deshalb vor allem Blendgranaten und die Leuchtpistole. Damit lassen sich die Feinde auf drei Schwierigkeitsgraden vernichten. Leicht ist Alan Wake dabei zu keiner Zeit, obwohl die dunklen Wesen teilweise schon nach zwei Schüssen das Zeitliche segnen. Die Kämpfe machen Laune und wirken durchdacht, auf die Länge des Spiels jedoch eintönig. Womöglich das größte Problem des Spiels, denn viele Waffen oder Abwechslung gibt es nicht. Hier und da lenkt man mal den Strahl eines großen Scheinwerfers oder weicht den Poltergeistern aus, die euch mit einst leblosen Objekten erschlagen wollen. Alles hervorragend integriert, wie gesagt aber nicht königlich in Sachen Vielfalt.



Nicht erwartet hatte ich die grandiose Optik, die mich auch so viele Monate nach dem Release wirklich begeistert hat. Zwar nutzt Remedy sehr gekonnt die Vorteile eines nahezu komplett dunklen Spiels aus, aber die Effekte sind gigantisch. Alan bewegt sich äußerst realistisch und menschlich, die Feinde hingegen erschreckend steif und zielstrebig. Highlight ist aber der helle Strahl eurer Lampe, der herausragende Schattenwürfe provoziert und dem Spiel einen einzigartigen, absolut hochwertigen Look verleiht. Der Detailgrad ist beachtenswert, egal ob in Gebäuden oder draußen im Wald. Zwar kann man sich nicht meterweit vom eigentlichen Pfad wegbewegen, das wurde aber glaubhaft und gut umgesetzt. Immer wieder gestaunt habe ich beim Einsatz von Leuchtpistolen und Fackeln. Sieht umwerfend aus. Akustik und Sprachausgabe werden einem Film gerecht, packende Dialoge, extrem markante Effekte in den Kämpfen und atmosphärischer Sound begleiten euch bei jedem Schritt. Mit aufgedrehter Anlage gewinnt das Action Adventure nochmal einiges an Klasse.

Nicht immer wird man bestraft, wenn man zu lange wartet. Alan Wake hat mich sogar belohnt und viele Monate nach dem Release wirklich vom Hocker gehauen. Ein hochwertiges, intelligentes und erwachsenes Spiel mit symphatischen Figuren, packender Story und fantastischer Inszenierung. Steuerung, Ladezeiten, Motivation und sogar die Erfolge stimmen. Für mich ein echtes Meisterwerk.



Note: sehr gut

 
Genre: Action Adventure

Entwickler: Remedy Entertainment
Publisher: Microsoft

Release: Mai 2010
getestet: September 2011 // Xbox 360 // pal uk