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Child of Eden

Bunt ist das neue Schwarz

 
Ich wusste ganz genau was ich mir ins Haus hole. Die Vorbestellung hatte ich schon vor Monaten getätigt und nun endlich rotiert es in meiner Konsole: Child of Eden. Ein Spiel, dessen Konzept zweifelsfrei nicht bei jedem zündet, dessen Magie sich nicht jedermann offenbart. Für viele wird das Spiel ein Rätsel bleiben, dadurch uninteressant und langweilig. Das ist okay. Immerhin ist Child of Eden nach nicht mal zwei Stunden durchgespielt und die Gegner sind meist geometrische Figuren oder bunte Farben und Formen. Begleitet wird der Shooter dann auch noch von progressiver Musik mit schnellem Beat.

Eben jene Extravaganz sorgt bei einigen Spielern aber für ein pures Glücksgefühl. Child of Eden bringt beeindruckend viel Energie mit und eröffnet euch die Möglichkeit, komplett in das Spielgeschehen einzutauchen. Ein dunkler Raum, reichlich Koffein im Blut und mit Kopfhörern auf den Ohren starre ich auf den Bildschirm. Vor mir entfaltet sich ein gewaltiger Farbenrausch, unerbittlich hämmert die Musik und ich durchfliege die bebenden Konstruktionen. Dabei nehme ich alle Feinde mit meinem Fadenkreuz aufs Korn und versuche meine tödlichen Raketen im Takt der Musik abzufeuern. Alles dreht sich, die Umgebung pulsiert und durch das Spiel mit der Musik schaffen es die Entwickler einen fast schon tranceartigen Zustand zu erzeugen.



Damit habe ich, rein theoretisch, Konzept und Spielmechanik bereits in ausreichender Form beschrieben. Bei Child of Eden seid ihr selber das Fadenkreuz und während die Kamera einem festen Weg folgt, markiert ihr die auftauchenden Feinde und schießt diese dann automatisch ab. Es ist nicht kompliziert, überhaupt nicht, offenbart seine Finesse dann aber im Detail. Wer wirklich punkten will, muss nämlich acht Gegner gleichzeitig ins Visier nehmen und den Angriff im richtigen Moment ausführen. Die Musik hilft euch dabei und wer den Bogen raus hat, der wird mit einem kurzen 'perfekt' belohnt. Leicht ist das jedoch nicht, die Level erfordern vor allem auf dem hohen Schwierigkeitsgrad viel Konzentration und man muss durchaus wissen was man tut. Die Feinde sind bisweilen sehr wehrhaft und schleudern euch Schüsse entgegen, die ihr nur mit dem Tracer abwehren könnt. Das ist eure Zweitwaffe, deren Besonderheit die hohe Wirkung gegen lilane Feinde ist. Wer selbst zu viele Treffer einsteckt, der stirbt und muss - egal wie weit er gekommen ist - von vorne beginnen. Gerade beim Endkampf kann das die Stimmung durchaus ruinieren. Schafft ihr es jedoch, erwartet euch zum Abschluss des Levels eine Bewertung, die verschiedene Aspekte betrachtet, wie beispielsweise eure Abschussquote oder wie oft euch ein Octa-Lock gelungen ist. Das ist übrigens einer jener perfekten Abschüsse von acht Zielen im Takt der Musik.

Da Child of Eden nach nur 120 Minuten bereits beendet ist, liegt es nahe, dass es der Highscore ist der euch verführen will. Selbigen kann man durch wiederholtes Spielen in die Höhe treiben und seine Abschlussrate im Level verbessern. Darüber hinaus schaltet ihr so Bilder und ein paar Boni frei. Das alles ist zwar schön, täuscht aber nicht über den zu geringen Umfang hinweg. Schon nach zwei Tagen verabschiedet sich die Motivation und man erinnert sich zwar gerne an das Erlebte, hat aber nicht unbedingt Lust schon wieder in die bunten Welten abzutauchen. Fünf Level sind einfach zu wenig und zwei mehr hätten dem Spiel wirklich gut getan.



"Better with Kinect" prangt auf meiner Spielehülle aus UK, stimmt aber nur bedingt. Sicherlich hat es seinen Reiz interaktiv mit den Feinden zu spielen, sich zur Musik zu bewegen. Ich persönliche kann dabei aber nicht so intensiv abtauchen wie es Child of Eden von mir verlangt. Ich brauche dazu die entspannte Sitzhaltung, oben erwähnte Kopfhörer und nicht die Ablenkung durch das Interieur meines Wohnzimmers. Sofern ihr diese Sorgen nicht teilt, kann man in Kombination mit Kinect viel Spaß haben, die Umsetzung ist Ubisoft nämlich gut gelungen.

Widmen wir uns in wenigen Worten noch der technischen Seite von Child of Eden, das optisch eine echte Perle ist. Es hat nicht den Anspruch in irgendeiner Form realistisch zu wirken und erschafft eine farbige, lebendige und abstrakte Welt aus Tunneln, Formen, geometrischen Figuren, im Rhythmus pulsierenden Konstruktionen und bizarren Gegnern. Stellenweise minimalistisch, dann wieder imposant, wuchtig und mitreissend. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Child of Eden sieht fantastisch aus. Zu dieser faszinierenden optischen Präsentation gesellt sich ein progressiver elektronischer Soundtrack. Nicht aggressiv oder übermäßig rasant, aber beständig, intensiv und zur richtigen Zeit mit druckvollen Bässen oder einer Spur Acid. Im Vordergrund steht das Zusammenspiel aus Optik und Akustik, das euch tief ins Spiel einsaugen kann. Als inoffizieller Nachfolger eines wahren Meisterwerks, muss sich Child of Eden natürlich auch dem Vergleich stellen, den es leider verliert. Rez ist der Name des Vorgängers, der ein wenig wie der mechanische, böse Bruder wirkt. Rez ist technoid, hart und dreckig, während Child of Eden das Leben zelebriert und eine deutlich harmonischere Atmosphäre ausstrahlt. Beides ergänzt sich jedoch hervorragend und Xbox Besitzer können die HD Version des Vorgänger-Shooters auf dem Xbox Live Marktplatz herunterladen. Shooter ist übrigens ein gutes Stichwort: Wer Child of Eden was Böses will, der sieht darin vermutlich nur einen bunten Rail Shooter mit Kackmusik, der keinen Sinn hat, schnell beendet ist und kaum Explosionen bietet. Ja, Liebhaber muss man sein...



Note: gut

 
Genre: Sonstiges

Entwickler: Q Entertainment
Publisher: Ubisoft

Release: Juni 2011
getestet: Juni 2011 // Xbox 360 // pal uk