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Forza Motorsport 4

Zwischen Perfektion und Stagnation

 
"Wer ist denn dieser jabalaia2390 bloß?" Ich kniff die Augen zusammen und fokussierte die utopische Summe die er geboten hatte. Nach einem großen Schluck Tee entschied ich mich, das Angebot nicht zu toppen und ließ ihn gehen, den schicken Audi. Er glänzt und funkelt, ist tadellos modelliert und fährt sich sicher königlich. Getunt hätte ich ihn. Den Reifendruck geprüft, die Achslast verändert und vielleicht einen Spoiler angebracht. Doch wie kommt es, dass ein 29-jähriger ohne Führerschein sich derart für Autos begeistert?



Forza Motorsport 4 natürlich, mein Lieblingsrennspiel. Obwohl dem so ist, bin ich völlig ohne jedwede Erwartung in das Spiel eingestiegen, hatte ehrlich gesagt kaum Lust darauf. Schon das Hauptmenü hat mich aber in seinen Bann gezogen und mittlerweile bin ich weit über Fahrerlevel 50 und habe schon zig Stunden in das Spiel gesteckt. Es ist herrlich geradlinig und aufgeräumt, übersichtlich aber komplex. Das reicht natürlich nicht aus um mich so zu fesseln, jedoch habe ich die meisten spielerischen Pluspunkte des Spiels bereits im Test zu Forza Motorsport 3 thematisiert. Ich werde mich also vermutlich an einigen Stellen einfach nur wiederholen. Denn Forza hat sich nicht stark verändert. Genau das wird nach wenigen Minuten im Spiel schon klar, denn es ist technisch keine rasante Weiterentwicklung und vom Fahrgefühl fast nicht vom Vorgänger zu unterscheiden. Dass dieser in Sachen Fahrphysik, Handling und Co. ganz und gar fantastisch gewesen ist, weiß man als erfahrener Spieler jedoch. Aus diesem Grund habe ich die Überschrift gewählt, da Turn 10 einerseits auf der Stelle tritt, andererseits natürlich dumm wäre das geniale Gameplay zu verändern. Das führt zur Situation, dass sich Neulinge ein Loch in den Bauch freuen, während Veteranen des Rennsports versuchen müssen, sich mit den marginalen Neuerungen zu amüsieren.

Ich persönlich gehöre zu dem Personenkreis, die zwar die dezente Langeweile des Karrieremodus sehr nervig finden, aber nicht umher können Forza erneut ins Herz zu schließen. Fahrerlevel 50 erreicht man nicht innerhalb einiger Stunden, das braucht Zeit. In dieser Zeit hat Forza meine Sammelleidenschaft voll und ganz entfacht. Ich besuche regelmäßig das Auktionshaus, suche Schnäppchen und hoffe auf gute Gebote für meine Fahrzeuge. Jeder Spieler kann darüber hinaus einen eigenen kleinen Shop eröffnen und dort Vorlagen fürs Tuning, aber auch Designs verkaufen und mit Fotos angeben. Die Community ist hervorragend ins Spiel eingebunden und kleine Neuerungen, wie die Spielerkarte, kommen vor allem online gut zur Geltung.



Der Karrieremodus ist Turn 10 erneut eher weniger gelungen. Die Struktur ist anders, es gibt jetzt zehn verschiedene Saisons, aber geändert hat sich trotzdem wenig. Man fährt ein Rennen nach dem anderen, entwickelt zwar seine Fahrerstufe weiter aber sonst nichts. Keine Rivalen, keine Turniere oder Weltmeisterschaften, keine Persönlichkeit. Puristen lieben das, viele andere werden nach der Motivation suchen und sich ggf. nur online mit dem Spiel amüsieren. Der Umfang der Karriere ist gigantisch. Wer sich den Event Kalender anschaut entdeckt haufenweise Events, die alle mit der Goldmedaille abgeschlossen werden wollen. Das verbessert die bereits mehrfach erwähnte Fahrerstufe und natürlich auch euren Kontostand. Bis auf Porsche ist alles mit an Bord was das Rennsportherz begehrt und die grandios modellierten Flitzer können für harte Credits erworben werden. Autovista ist ebenfalls wie gemacht für den Liebhaber schneller Schlitten, denn dort lassen sich viele Autos ganz genau unter die Lupe nehmen. Setzt euch in den Wagen, lasst euch Fakten präsentieren und lauscht obendrein dem Kommentar von Top Gear Journalist Jeremy Clarkson.

Die Technik spielt bei Forza in meinen Augen keine übergeordnete Rolle, musste sich aber ebenfalls weiterentwickeln. Ohne direkten Vergleich fällt mir der Kommentar dazu recht schwer. Nicht an allen Ecken sieht man dem vierten Teil einen Sprung nach vorne an, insgesamt hat Turn 10 vermutlich vor allem im Detail an der Grafik gearbeitet. Forza Motorsport 4 sieht sehr gut aus und spielt die Stärken, nämlich die flüssige Framerate, den Realismus und die tollen Fahrzeuge, gut aus. Die neue Strecke aus der Schweiz sieht beeindruckend aus und überzeugt ebenso wie das Gesamtbild. Dezente Langeweile bieten Rennstrecken wie Mugello und Co., die aber auch im echten Leben nicht wirklich imposant erscheinen. Dennoch, vielleicht sollten beim fünften Teil weitere jener Fantasiekurse implementiert werden, die technisch einfach mehr aus dem Rennspiel herausholen können. In Sachen Akustik hat man weiter an den Motoren gearbeitet, die sich unterm Strich tadellos anhören. Das freut vor allem echte Autofreaks, während Normalspieler wie ich gerne auch Musik beim Fahren haben. Die ist diesmal weniger gut gelungen und klingt bisweilen stark nach Ridge Racer, ist technisch nicht ideal umgesetzt und lässt sich in den Optionen nicht so handhaben, wie man das eigentlich gewohnt ist.

Microsoft hat mit Forza eine brandheiße, perfekt spielbare Rennsport-Serie auf dem Markt und sollte das zu keiner Zeit vergessen. Der vierte Teil hat mich super unterhalten und viel Freude bereitet, aber es gibt auch laute Stimmen der Kritik. Ein Nachfolger muss mehr zeigen, technisch und spielerisch. Außerdem braucht es Ideen für einen Karrieremodus der unterhaltsamer ist als das bislang gebotene. Das ändert alles nichts an der Tatsache, dass Forza Motorsport 4 ein sehr gutes Spiel ist, aufgrund des ausgebliebenen Quantensprungs aber zu einem 'guten' Spiel degradiert wird.



Note: gut

 
Genre: Rennspiel

Entwickler: Turn 10 Studios
Publisher: Microsoft

Release: Oktober 2011
getestet: November 2011 // Xbox 360 // pal deutsch