blindesehenlahmegehen

Akrobatik mit Buchstaben

   
Start
Artikel
Testberichte
Xbox One
Xbox 360
braune Momente
 
 
 

the Elder Scrolls V : Skyrim

Wunderschön, bis zum ersten Pfeil im Knie...

 
Geschafft! Ich habe nur fünf Neustarts gebraucht um mir klar darüber zu werden, wie ich Skyrim spielen möchte. Die sechs Stunden meines Lebens die ich dabei verschwendet habe sind ja egal. Jetzt bin ich endlich ein echter Bogenschütze mit ausgeprägten Sprachfähigkeiten und der Leidenschaft zu Schleichen - in der Haut einer Imperialen Kriegerin übrigens. Zeit ist bei Skyrim ohnehin eher sekundär, das Spiel unterhält dank ausladender Hauptgeschichte und unzähligen Nebenmissionen vermutlich 80 bis 100 Stunden. Die Frage ist deshalb viel mehr: Amüsiert man sich dabei?

Das kann man, trotz der Bestnote, nämlich nicht uneingeschränkt behaupten. Bei mir stellte sich die große Ernüchterung nach etwa 35 Spielstunden ein. Schon wieder ein Dungeon, schon wieder die gleichen Gegner, schon wieder kann ich nichts mehr tragen. Ab diesem Zeitpunkt verstand ich, dass ein Spiel dieser Größe irgendwann einfach langweilig werden muss. Ich kann mich selber quasi dabei beobachten, wie ich das Gamepad umklammere und gelangweilt auf den Fernseher starre. Ich verfluche das Spiel. Doch während ich schimpfe, kralle ich mich fester in das Pad. Man schaltet Skyrim nicht einfach ab. Man ist mittendrin in dieser atmosphärischen Spielwelt, plant im Büro sogar die nächsten Schritte in Tamriel ein. Es ist eingängig, voller Freiheiten und gigantisch groß. Außerdem merkt man dann nach etwa 45 Stunden, dass man die Langeweile erfolgreich bekämpfen kann, wenn man nur will. Kämpft mit anderen Waffen, nutzt andere Strategien, beginnt mit Schmiedearbeiten oder der Alchemie. Lasst die Story ruhen und widmet euch den Sidequests - ehe man sich versieht sind wieder ein paar Stunden ins Land gezogen.



Imposant und gewaltig wirkt euer digitaler Spielplatz. Dungeons und Paläste, dazu Orks, Trolle und Drachen. Die Entwickler nutzen das volle Fantasy-Spektrum und ihr müsst euren Platz in dieser Welt finden. Ob als Bogenschütze, ganz nach meinem Vorbild, als Faustkämpfer, Krieger oder Magier, das entscheidet ihr selber. Interessanterweise hat Bethesda das Erfahrungsystem dahingehend optimiert. Die vergeudeten sechs Spielstunden für die Charakterwahl hätte ich mir demnach gleich doppelt sparen können: Skyrim verbessert nämlich genau die Fähigkeiten, die ihr regelmäßig nutzt. Jemand der gerne Zauber wirkt, wird demnach irgendwann mal ein sehr mächtiger Magier, egal ob hell oder dunkel. Schleichende Bogenschützen wie ich sind irgendwann nahezu unsichtbar und lautlos. Von diesen Unterkategorien gibt es einige, die quasi ganz nebenbei immer besser werden. Das wiederum lässt eure Figur irgendwann im Level aufsteigen, was dann Gesundheit und Co. optimiert. Erfahrungspunkte für gelöste Aufgaben oder getötete Monster gibt es nicht. Stattdessen kann man innerhalb der verschiedenen Unterkategorien weitere Perks freischalten. Sei es mehr Schaden beim Dolchstoß oder weniger Verbrauch von Magiepunkten bei mächtigen Zaubersprüchen. Sehr unterhaltsam, durchaus innovativ und wirklich gut gelöst. Am Ende kommt nämlich eine nach euren Wünschen maßgeschneiderte Hauptfigur dabei heraus.

Die Entwicklung eures Alter Ego ist natürlich eine Dauerbeschäftigung. In Dialogen fragt man euch nach eurer Meinung, ihr könnt euch verschiedenen Gruppierungen anschließen und eigentlich Tun und Lassen was ihr wollt. Während das Gut/Böse Prinzip in anderen Spielen oft eher plump und offensichtlich gelöst wurde, rückt das bei Skyrim in den Hintergrund. Das ermutigt gutherzige Menschen wie mich, den ein oder anderen Dummschwätzer auch mal abzuschlachten. Neben solchen Entscheidungen steckt man viel Leidenschaft in die Ausrüstung und Bewaffnung der Figur. Wer sich tapfer durch die Gegnerhorden kämpft und dabei stets ein Auge für Truhen und dunkle Ecken hat, der findet mehr Schätze als er tragen kann. Das bedeutet: Reichtum oder ein richtig gutes Outfit.



Spielerisch ist der fünfte Teil der Elder Scrolls Saga keine Überraschung. Vornehmlich aus der Ego Perspektive schwingt ihr Schwerter, verschießt Pfeile oder wirkt Magie - und das in allerlei Städten, Tempeln oder Höhlen. Das Kampfsystem ist solide und funktioniert, die zähen Gegner werden im Nahkampf oder aus der Distanz niedergerungen. Nebenbei löst ihr sehr, sehr simple Schalterrätsel und erfreut euch deshalb mehr an den Dialogen und der guten Atmosphäre. Die aufkeimende Langeweile, die sich meiner Meinung nach nicht vermeiden lässt, muss man mit Kreativität bekämpfen und die eigene Vorgehensweise neu definieren. Das klappt und macht den RPG-Giganten zu einem absoluten Zeitfresser. Es gibt unglaublich viel zu tun und zu entdecken, unheimlich viele Möglichkeiten der Unterhaltung.

Jedoch, bisweilen dürften die Missionen exotischer sein, und hier und da entdeckt man logische Fehler der Figuren oder sogar einige Bugs. Aber das muss man in Kauf nehmen wenn man Tamriel als das Begreifen will was es ist: Ein nicht perfektes, aber unfassbar packendes Spielerlebnis mit viel Freiheit und eben jenem Reiz, den Jäger und Sammler brauchen um am Ball zu bleiben. Sogar technisch gibt sich Bethesda keine Blöße: Dank Schneestürmen, unterschiedlichen Landschaften mit toller Weitsicht und stellenweise wirklich grandios modellierten und beleuchteten Dungeons ist Skyrim ein echter Hingucker. In meiner englischen Version haben mich auch die Sprecher überzeugt, die Hintergrundmusik ist mir allerdings insgesamt zu unauffällig. Abgerundet wird das Ganze jedoch mit wuchtigen Effekten, die Skyrim zwar nicht dazu verhelfen ein technischer Meilenstein zu sein, aber die hohe Kunst des Programmierens aufzeigen: Ein 100 Stunden Spiel inkl. Synchro passt immer noch auf eine DVD. Die hat zwar ironischerweise schlechtere Texturen wenn man sie installiert, ein echter Abenteurer kann so etwas aber verkraften...



Note: sehr gut

 
Genre: RPG

Entwickler: Bethesda Game Studios
Publisher: Bethesda Softworks

Release: November 2011
getestet: Januar 2012 // Xbox 360 // pal uk