blindesehenlahmegehen

Akrobatik mit Buchstaben

   
Start
Artikel
Testberichte
Xbox One
Xbox 360
braune Momente
 
 
 

Halo 4

Neue Eltern, gewohnte Qualität

 
Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein das eigene Kind aus den Händen zu geben. In die Obhut eines anderen. Wird es dort gedeihen, sich wohlfühlen? Bungie dürfte diese Frage vielleicht beantworten können, denn sie haben Halo in die Hände von 343 Industries gegeben. Halo, das in bislang fünf Episoden mehrere Hundert Millionen Dollar eingespielt hat, die Welt des Ego Shooters grundlegend verändert hat, genau jenes Halo, das man ohne jeden Zweifel als Phänomen bezeichnen kann. Die neuen Eltern haben Mut bewiesen und sich der Pflege der IP verschworen, um den (offiziell) vierten Teil der Serie in neue Sphären zu heben. Mit viel Herzblut haben die Damen und Herren die neue Episode geformt, welche ich mir in einer völlig unnützen Limited Edition gegönnt habe.



Trotz neuem Studio hat sich natürlich nicht alles verändert. Im Gegenteil, vor allem die Stärken wurden beibehalten und konsequent ausgebaut. Der Mehrspieler ist noch immer gut besucht, wird regelmäßig mit neuen Karten und Spielmodi versorgt und ist in Sachen Umfang, Optionen und auch den Charakterklassen eine echte Perle. Neu ist das Punktesystem, das sich gut anfühlt und passt. Auch das Personalisieren macht mehr Spaß als in den Vorgängern. Es gibt normale Deathmatches, aber auch diverse King of the Hill Varianten, den beliebten SWAT Modus, Zombie Spiellisten und wechselnde andere Modi, die wirklich gut unterhalten und auf grandiosen Karten gespielt werden. Abgerundet wird das alles durch tägliche Herausforderungen und leider wieder auch durch ständige Verbindungsabbrüche. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Davon mal abgesehen ist der Multiplayer eine echte Granate, wenngleich die Spielerzahlen weit weniger imposant sind als man das von Halo gewohnt ist. Ergänzt werden die Gefechte gegen andere menschliche Spieler durch den Spartan Ops Modus, der gewissermaßen die Firefights abgelöst hat. Schade. Denn zwar spielt man hier gemeinsam mit anderen Spielern gegen ganze Horden von Allianz und Prometheanern, das alles bleibt aber hinter meinen Erwartungen zurück und langweilt eher dezent - trotz interessanten Zwischensequenzen, welche die Haupthandlung stützen, ergänzen und vertiefen.

Mit einer ziemlich imposanten Zwischensequenz begann übrigens alles. 343 hat gemeinsam mit Microsoft einen 90-minütigen Film auf die Beine gestellt und mit echten Schauspielern die Vorgeschichte zu Halo 4 eingespielt. Das Ganze liegt der Limited Edition bei, kann aber auch im Netz angeschaut werden. Ich bin davon mehr als begeistert, da es vollkommen gratis ist und in der Form auch noch nie gegeben hat. Das eigentliche Spiel beginnt auf der verlassenen Forward unto Dawn. Der Master Chief erwacht aus dem Kälteschlaf und bereits wenige Augenblicke später entdeckt ihr die Allianz auf dem Kreuzer. Ein Kampf entbrennt und noch bevor eine der Parteien siegreich vom Platz geht, öffnet sich die Pforte eines Blutsvater-Planeten der alles in sich einsaugt und so den Kampf für euch beendet. 343 Industries setzt auf ein zuvor wenig durchleuchtetes Kapitel des Halo-Universums und stellt den Konflikt gegen die Prometheaner und den Didaktiker in den Vordergrund. Doch auch die enge Verbindung zu Cortana wird so detailreich wie nie zuvor erzählt. Der sonst so wortkarge Master Chief kommt häufiger zu Wort als früher und getragen wird das Spiel von fantastischen Cutscenes und der hervorragenden Erzählweise. Halo 4 ist düsterer als die Vorgänger, ein wenig reifer, wirkt auf mich fast wie ein Spin-Off. Das meine ich nicht negativ, es ist ein fantastisches Science Fiction Spiel, mir aber tatsächlich einen Hauch zu wenig Halo.

Spielerisch hat sich nichts gravierend verändert. Halo bleibt ein Ego Shooter, allerdings mit traumhaften Rahmenbedingungen: Dazu gehört die flüssige und exakte Steuerung, die dichte Atmosphäre, die dynamischen und abwechslungsreichen Kämpfe, die hochintelligenten Gegner und die markanten Eigenheiten der Serie. Gemeint sind damit beispielsweise der Warthog, den ich nicht weiter beschreiben muss, die tolle Art wie man Granaten werfen kann oder auch Waffen wie der Needler oder der Spartan-Laser. So blöd es klingt, es ist eben Halo. Auf den ersten Blick just ein Schießspiel, auf den zweiten Blick ein durchdachtes und äußerst fein ausgearbeitetes Science Fiction Abenteuer, bei dem die Räder herrlich ineinander greifen. Bis auf die Prometheaner, die so gar nicht mein Fall sind. Während die Kämpfe gegen die Allianz gewohnt grandios sind, macht es wenig Laune die starken Springer zu zermürben oder gegen zahllose Krabbler zu kämpfen. Mir hätte die Allianz als Gegner gereicht.



Halo 4 sieht fantastisch aus. Wie immer ist es recht farbenfroh und bunt, setzt weniger auf Realismus und begeistert in dieser Episode vor allem mit herrlichen Animationen, effektreichen Feuergefechten und toll ausgeleuchteten Arealen. Beeindruckende Außenlevel wechseln sich mit mäßig interessanten Innenleveln ab, dazu gibt es eine überragende Soundkulisse, welche in allen Unterdisziplinen punkten kann. Der Soundtrack bringt die richtige Stimmung, die Granaten den richtigen Druck und die Synchro das rechte Maß an Glaubwürdigkeit und Qualität - ganz abgesehen vom quietschenden Flug eines Banshees oder dem ungeheuren Wumms einer Gauss-Kanone.

Es sind jene Eigenheiten für die Halo geliebt wird, die aber auch nicht jedermanns Geschmack treffen. Fakt ist, dass Halo die Generalüberholung wirklich gebraucht hat. Es spielt sich frisch und anders, was vielleicht dazu beiträgt das man hier und da ein wenig Charme vermisst. Beides geht offenbar nicht und so steht für mich fest, dass 343 trotz Schwächen im Einzelspieler und kleinerer Probleme im Mehrspieler ein derart grandioses Gesamtpaket geschnürt hat, dass man als Ego Shooter Liebhaber nicht drumherum kommt. Es ist groß, man kann nahezu alle Details des Spiels mit Freunden erleben, es gibt jeden Tag was Neues in der Community und weder hat 343 die Schmiede vergessen, noch den Kinomodus. Adoption geglückt.



Note: sehr gut

 
Genre: Ego Shooter

Entwickler: 343 Industries
Publisher: Microsoft

Release: November 2012
getestet: November 2013 // Xbox 360 // pal deutsch // Limited Edition