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BioShock Infinite

There’s always a lighthouse, there’s always a man, there’s always a city.

 
Neugierde kann tückisch sein und einen zu Dingen verleiten, die man eigentlich gar nicht tun will. Wie das Anschauen von Trailern. Wehren konnte ich mich im Falle BioShock jedoch nicht und so wusste ich schnell über die Stadt in den Wolken Bescheid, die der Schauplatz für Infinite sein würde. Ich war in gewisser Hinsicht vorbereitet auf das was kommt. Hatte ich gedacht. Meinen ersten Blick auf Columbia werde ich jedoch nie mehr vergessen. Diese Stadt, die sich einstmals von der Erde löste und aufmachte in den Himmel, ist einer der außergewöhnlichsten Orte den ich jemals betreten habe. Ehrfürchtig musste ich einsehen, dass kein Trailer mich auf dieses Gefühl vorbereiten konnte.

Ich war deshalb zunächst etwas zögerlich: Große Gebäude die auf Ballons in der Luft schweben, Zeppelin-Paraden, mechanische Pferde und Geschäfte die jederzeit woanders hinsegeln könnten. Alles ist in Bewegung, alles irritiert. Ein Prophet namens Comstock herrscht und wacht über diese bizarre Welt - und zwar mit diktatorischer Härte. Während eine Art weiße High Society den Luxus genießt, schuften Minderheiten in Fabriken. Genau wie ich wird auch die Hauptfigur von alldem überwältigt. Booker deWitt ist Detektiv und sein Auftrag klingt fast schon profan: "Bring das Mädchen zurück!" Dieses Mädchen pflegt jedoch ein ziemlich außergewöhnliches Leben. Und das will in einer fliegenden Stadt schon was heißen.



BioShock Infinite entpuppt sich bereits wenig später als wahnsinnige Irrfahrt aus Gewalt, der ständigen Flucht vor dem Staat, Rissen in der Zeitgeschichte und dem schier undurchdringlichen Geheimnis, das Elizabeth umgibt. So lautet der Name des Mädchens, das euch zumeist nicht von der Seite weicht und als hervorragendes Teammitglied entpuppt. Elizabeth knackt Codes, sammelt Munition und Geld und hält sich als Gegenleistung aus dem Kämpfen raus. Sie wirkt sehr dynamisch und wie die gesamte Welt von BioShock irgendwie glaubwürdig. Zwar staunt man an jeder Ecke über das Design, merkwürdige Maschinen oder Geschäfte und kann sich an diesen Dingen gar nicht sattsehen, das Ganze ist aber so detailliert ausgearbeitet das man es akzeptiert und als real anerkennt. Man kauft BioShock das Szenario ab.

Selbstverständlich ist Infinite nicht bloß eine virtuelle Stadtrundfahrt. Im Gegenteil, recht schnell werdet ihr als 'False Shepard' entlarvt und die gesamte Abwehr von Columbia richtet sich gegen euch. Fortan wird man von der Polizei gehetzt und gejagt. Doch nicht immer sind eure Widersacher menschlich, häufig wollen euch automatische Geschütze zerfetzen und im schlimmsten Fall lässt das städtische Verteidigungssystem die Heavy Hitter auf euch los. Gnadenlose, brutale Kampfmaschinen die euch problemlos vernichten, sofern man nicht deren Schwachstelle findet oder ausreichend Munition im Gepäck hat. Bei Infinite stürmen oft auch mehrere Gegner gleichzeitig auf euch los und die Flucht in eine sichere Deckung ist der einzige Ausweg. Mit Schrotflinten, Pistolen und MGs feuert ihr dann zurück sobald sich eine Möglichkeit ergibt. In dieser Hinsicht spielt sich BioShock also wie jeder andere Ego Shooter auch...



...was dazu führt, dass das Actionspiel sich ein wenig vor dem Durchschnitt in Acht nehmen muss. Wirklich imposant sind die Schusswaffen nämlich nicht. Um sich von der Masse abzuheben gibt es bei BioShock seit jeher sowas wie Magie. In den ersten beiden Teilen waren das die Plasmide, hier sind es Kräfte. Wer einen großen Schluck Devil’s Kiss, Bucking Bronco oder Shock Jockey nimmt, dem stehen plötzlich zahlreiche Möglichkeiten offen: Lasst ein Flammeninferno auf den Gegner regnen, beschwört eine Meute Krähen herauf, wandelt Maschinen von Feind zu Freund oder stellt den Widersachern fiese Fallen. Die Kräfte ändern euer Kampfverhalten komplett, können euch mitunter den Arsch retten und passen hervorragend ins Spiel. Aufgelockert wird Infinite zudem durch die Sky-Line, an der ihr euch durch die Areale bewegen könnt. Eigentlich für Lasten- und Gütertransporte gedacht, braust ihr mit Hilfe eures Sky-Hooks wie auf einer Achterbahn durch die Gegend. Zwar immer im Kreis, aber insbesondere ein schier auswegloser Kampf kann so entzerrt und zu euren Gunsten entschieden werden. Das alles spielt sich hervorragend und unterhaltsam, jedoch unterm Strich recht bodenständig. Vielleicht habe ich auch zu viel erwartet... Zum Durchspielen habe ich eigentlich nur den Kuss des Teufels gebraucht und irgendwie fehlt im Vergleich mit den Plasmiden das gewisse Extra - und daran mangelt es BioShock sonst nun wirklich nicht.

Besonders gut gefallen hat mir mal wieder das Entdecken neuer Orte. Ich habe ehrlich gesagt viel zu viel Zeit damit verbracht Schreibtische, Wohnungen und Tresore zu plündern, um Geld zu finden oder neue Ausrüstung aufzuspüren. Die Welt birgt viele Geheimnisse und man möchte alles entdecken. Ja, Infinite ist schon ein Erlebnis: Eine fremde Welt, fantastische Musik, viel was man noch nicht kennt und was man einfach nur erfassen und verstehen will. Technisch bewegt sich das Spiel trotz einigen Makeln der Unreal Engine (klobige Objekte, leichtes Ruckeln) auf ausgezeichnetem Niveau und hat mich mit seinen exotischen, toll ausgeleuchteten Schauplätzen und der grandiosen Atmosphäre sofort gepackt. Columbia lebt und die einzigartige Stimmung begeistert von Anfang bis Ende. Naja jedenfalls fast, denn leider spürt man gewisse Längen im Spiel und später sind viele Schauplätze auch in komplett geschlossenen Arealen. Da vergisst man dann wo man eigentlich ist. Egal, perfekt ist Infinite zwar nicht, meines Erachtens auch bei weitem kein BioShock 1, aber dennoch ein Pflichtspiel. Das Duell mit Comstock, die Angst vor dem Songbird, der grandios inszenierte Plot und natürlich dieses Gefühl des Besonderen, welches den Titel umgibt, rechtfertigen die Bestnote.



Note: sehr gut

 
Genre: Ego Shooter

Entwickler: Irrational Games
Publisher: 2K Games

Release: März 2013
getestet: November 2013 // Xbox 360 // pal uk // Limited Edition