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South Park : der Stab der Wahrheit

Doppelter Blutschaden durch Beschneidung

 
"South Park ist doch kacke!" flucht meine Freundin, denn lachen kann sie darüber nicht. Dass mein Charakter schlicht als Jude bezeichnet wird, über Minispiele in denen Analsonden vorkommen oder den Braunen-Ton Angriff, bei dem sich alle einscheissen. Ich hingegen kann nur schwer an mich halten, zumal das nur ein Bruchteil von dem ist, was der Stab der Wahrheit zu bieten hat. Während Frau shadow also rollenden Auges den Raum verlässt, sitze ich kichernd vor dem Fernseher und erfreue mich an erstklassigem Fäkalhumor, einer abgedrehten Geschichte und einem unterm Strich fantastischen Videospiel. Wenn man South Park mag. Obsidian Entertainment hat die Welt der vier Grundschüler aus Colorado in ein RPG gebannt, was mich im ersten Moment irritierte, tatsächlich aber sinnvoll ist: Die Geschichte kann auf elegante Art und Weise erzählt werden, die Spielmechanik ist klassisch und birgt wenig Risiken für die Entwickler. Außerdem ermöglicht das Genre ausreichend Tiefgang um sämtliche Ideen der Autoren im Spiel zu platzieren. Von den Schauplätzen bis hin zu den Spezialangriffen, von den vielen Charakteren bis hin zu deren Bewaffnung passt hier einfach alles zusammen.



South Park beginnt mehr oder weniger in Cartmans Garten, den die Kinder zu einer riesigen Festung ausgebaut haben. Zwischen Elfen und Menschen tobt ein Krieg und als Neuling in der Nachbarschaft ist es fast schon eine Ehre, dass ihr mitspielen dürft. Augenblicke später hat man die ersten Missionen im Gepäck und die ganze Stadt darf und muss erkundet werden. Schnell mischen sich zahlreiche Sidequests mit in das Geschehen und so ertappt ihr euch bei der Vertreibung von Pennern um der Bürgermeisterin zu gefallen, helft Al Gore bei der Suche nach dem Schweinebärmann oder punktet bei Mr. Kim indem ihr wilde Mongolen verjagt. Fast wie von selbst kommt man in der Geschichte immer weiter voran, die für Fans die Erfüllung eines Traums ist und auch mich auf ganzer Linie begeistert hat. Nebenbei plündert man übrigens Garagen, Schränke und erschlagene Gegner, findet neue Freunde und erfreut sich am Hauptmenü. Angelehnt an facebook und Co. findet ihr hier Details zu euren Statuswerten, eine hilfreiche Karte, aber auch eine Pinnwand, die von euren Freunden mit Bullshit zugemüllt wird.

Trotzdem will man mehr Freunde gewinnen und muss dafür die eine oder andere Schlacht schlagen. Kämpfe gibt es in South Park zu Hauf und zumeist sind eure Widersacher andere verkleidete Kinder. Damit aber nicht genug, von der Nazi-Kuh bis hin zur Riesenratte, abgetriebenen Föten oder Obdachlosen ist die Palette der Gegner so bunt wie man es aus der Serie kennt. Für die Konflikte reaktiviert Obsidian ein klassisches rundenbasiertes System, in dem man sich Runde für Runde eine Strategie zurecht legt. Einen der vielen Spezialangriffe beispielsweise, die abgefahrener nicht sein könnten: Cartman brennt die Feinde mit flammenden Fürzen weg, Kenny lenkt die Gegner mit seinen Brüsten ab, es gibt blutige Beschneidungen, mal fliegt Scheisse durch die Gegend und Jimmy stottert sich so lange einen ab, bis die Widersacher eingeschlafen sind. Es ist beeindruckend was das Team um Stone und Parker hier abspult. Und dabei nicht mal oberflächlich! Eure Charaktere erleiden verschiedene Statusschäden, können also paralysiert werden oder verbluten langsam. Nicht jeder Feind ist für jeden Angriff empfänglich und gutes Timing spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Erfolgreich ist ein Block oder ein Angriff nur dann, wenn man im rechten Moment die korrekte Taste drückt. Eigentlich fängt es aber schon vor dem Kampf an, da bereits die Wahl eures Partners entscheidend ist. Ihr agiert stets zu zweit man muss selbst entscheiden, ob man Butters oder z.B. Stan an seiner Seite haben will. Gemeinsam wird dann zumeist mit Äxten, Schwertern oder Dildos angegriffen, ein Heiltrank benutzt oder ein Kaffee von Tweek (für doppelten Angriff) getrunken. Nicht zu vergessen ist auch das richtige Outfit, denn Goth-Kleidung, S.W.A.T. Weste oder Ritterrüstung haben gänzlich unterschiedliche Vor- und Nachteile.



Der Stab der Wahrheit zielt nicht darauf ab euch 40 Stunden zu unterhalten. Bis maximal Level 15 kann man den Protagonisten aufleveln, die Sidequests unterhalten nicht ewig und nach etwa 12 bis 16 Stunden ist man dann auch komplett am Ende angelangt. Der Wiederspielwert ist gering und an die Tiefe oder Komplexität eines der vielen Genre-Konkurrenten kommt South Park nicht heran. Das Spiel hat deshalb keine Längen und setzt im Handlungsverlauf immer neue Highlights. Wichtiger noch: Zu keiner Zeit gerät der bissig derbe Humor ins Hintertreffen. In Europa wurden deshalb einige Szenen mit fragwürdig sexuellem Hintergrund gänzlich entfernt, die deutsche Fassung wurde dann zusätzlich um Sprachsamples aus dem dritten Reich und der üppigen Darstellung von Hakenkreuzen erleichtert. Doch das man Randy nun nicht selber anal quälen darf und sich auch nicht an einer Abtreibung versuchen kann, das trübt das Spielvergnügen nur ganz leicht. Technisch ist das Spiel selbstverständlich sehr eng an die Serie angelehnt und sieht dieser zum Verwechseln ähnlich. Schöne Details, bunt, blutig und mit tollen Zwischensequenzen, dazu tadellose Animationen und eine brillante englische Tonspur.

South Park funktioniert so hervorragend, weil die Adaption der Serie in ein RPG gnadenlos gut gelungen ist. Mit viel Liebe zum Detail und enormem Einfallsreichtum haben die Macher mich oft laut zum Lachen gebracht und von Anfang bis Ende bestens unterhalten. Egal ob Dreidel-Spezialangriff, Baby-Freistoß oder die fantastische Darstellung Kanadas. Der Stab der Wahrheit offeriert nur wenig Angriffsfläche für Kritik und hat mich vollends - und der größte Fan der Serie bin ich nicht - begeistert.



Note: sehr gut

 
Genre: RPG

Entwickler: Obsidian Entertainment
Publisher: Ubisoft

Release: März 2014
getestet: April 2014 // Xbox 360 // pal deutsch