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Watch_Dogs

Überwachung 3.0

 
Lange habe ich nach dem richtigen Totschläger gesucht. Er benötigt Stabilität, einen gummierten Griff und muss nahezu unsichtbar sein. Gefunden habe ich bislang nichts, Watch_Dogs animiert mich aber dazu meine Suche fortzusetzen. Denn Aiden Pierce nutzt einen solchen Teleskopschlagstock um seine Gegner rabiat gen Ohnmacht zu prügeln; was das Verbrecherpack aber auch verdient hat. Oder? Die Frage ob Aiden - der auch vor Mord nicht zurückschreckt - wirklich auf der richtigen Seite steht, bleibt ungeklärt. Er betrachtet auch die Polizei als Gegner und glaubt nur an seine eigene Wahrheit. Die ist durchzogen von Zweifel, Skepsis und Intrigen, alles wegen eines verpatzten Auftrages und schwerwiegenden Schuldgefühlen. Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist außerdem das ctOS, ein Überwachungssystem höchster Stufe und Qualität, das alle Menschen zu gläsernen Bürgern macht. Es überwacht Chicago und ist zugleich Aidens größter Feind, als auch strategischer Verbündeter. Denn das ctOS ist bereits geknackt und so verschafft sich unser Antiheld pikante, illegale, erschreckende und beeindruckende Vorteile.



Auf mich wirkte Watch_Dogs in vielen Previews immer überladen. Zu viele Einblendungen und Optionen. Anfangs erschlägt einen das tatsächlich, denn mit dem Smartphone analysiert Aiden automatisch jeden Fußgänger (Name, Beruf, Profilbild) und kann einen Teil dieser Leute zudem hacken: Dann hört oder liest man mit, stiehlt Musik oder Geld. Darüber hinaus kann er sich aber auch in die Stadt selbst einklinken und Ampeln, Tore und Türen hacken, in Kameras eindringen oder Trafos sprengen. Dazu gesellt sich das Handymenü, Fortschrittsbäume, digitale Trips und mehr, so dass man zunächst geistige Ordnung schaffen muss. Das klappt dann schließlich ganz gut, denn die meiste Zeit über braucht man die Flut an Informationen gar nicht. Ohne einen Verfolger auf den Fersen macht es beispielsweise keinen Sinn die Infrastruktur der Stadt zu manipulieren. Konzentriert man sich auf das Wesentliche, dann geht die Übersicht nur selten verloren. Das Wesentliche beschreibt sich am besten mit 'sowas wie GTA', da man sich in Chicago völlig frei bewegen kann. Zu Fuß, im Auto, innerhalb einiger weniger Gebäude oder im weitläufigen Gelände - was allerdings nur bedingt an Chicago erinnert und auch gar nicht so weitläufig ist. Sonderlich groß ist Watch_Dogs im Vergleich zur Konkurrenz nicht. Auf den Straßen tummelt sich verdächtig wenig Polizei, dafür gibt es umso mehr Nebenbeschäftigungen und Herzstück ist eine Hauptstory, die sich eurem Spieltempo anpasst. Zumeist von einer Zwischensequenz eingeleitet beginnt eure Mission, für die es eigentlich immer mehrere Lösungswege gibt. Im Prinzip gibt es die laute Herangehensweise oder die Option möglichst leise zu agieren. Aiden benutzt jede Menge Feuerwaffen, hockt geduldig in Deckung und ballert im Zweifelsfall alles über den Haufen. Er kann aber auch einfach das Handy zücken und die Umgebung zu seinem Vorteil beeinflussen. Wachen können durch Gabelstapler abgelenkt und weggelockt werden, man hackt Kommunikatoren oder sprengt nahegelegene Sicherungskästen. Nicht selten hangelt man sich in den Gefechten zunächst von Kamera zu Kamera, registriert das gesamte Feindvolk und kann einen Großteil mit verschiedenen Aktionen aus der Ferne mit Hilfe des ctOS ausschalten. Die Widersacher finden euch in eurer Deckung so gut wie nie und wer nach dem Hackerangriff noch lebt, wird mit Pistole und Schalldämpfer unauffällig erledigt. Aiden bastelt aus entsprechenden Materialien auch explosive USVs oder legt mit einem Blackout jegliche Elektronik in der Nähe lahm.



Die Geschichte bietet abgesehen davon auch klassische Überwachungsaufgaben, Verfolgungen und Ermittlungen. Die Abwechslung motiviert, die Story spielt sich unterhaltsam und macht viel Spaß. Bei den Sidequests sieht das ein wenig anders aus: Es gibt zwar mit Fixer-Aufträgen, Gangster-Konvois und zu verhindernden Verbrechen eine Menge zu tun, innerhalb einer solchen Sidequest ist Watch_Dogs aber monoton. Ubisoft spendiert überdies Sehenswürdigkeiten, Minispiele, versteckte QR Codes und lässt den Helden im Spielverlauf immer stärker werden. Autos nehmen weniger Schaden, das Zielen geht leichter von der Hand und neue Objekte können gehackt werden. Das alles wird euch in schöner Optik präsentiert. Wenn sich nach einem Regenguss die Sonne im nassen Asphalt spiegelt oder ein Trafo nachts mit reichlich Funken in die Luft geht, dann sieht Watch_Dogs einfach nur klasse aus. Als nicht perfekt empfinde ich die Figuren, die Fahrzeuge und den teilweise groben Look - auch wenn ich das nicht näher beschreiben kann. Musik gibt es nur wenig und die ist im Vergleich zur Konkurrenz echt alt, Radiosender gibt es auch nicht, dafür punktet die deutsche Synchro.

Ich bin gespalten. Wie mir nach vielen Stunden aufgefallen ist, kaufe ich Aiden Pierce das alles nicht ab. Er ist rechtschaffen, dann wieder mordlüstern, sowohl absoluter Profi-Hacker als auch versiert im Umgang mit rund 20 verschiedenen Waffen, darunter große Kaliber wie Granatwerfer und Scharfschützengewehre. Springen kann er wiederum nicht. Seine Geschichte ist einigermaßen spannend, jedoch trotz brandaktuellem Thema nicht wirklich fesselnd oder emotional. Erstaunlich finde ich auch, dass sich nahezu alles mit einem simplen Knopfdruck hacken lässt. Einfach die X Taste drücken und los geht’s. Das führt auf der anderen Seite dazu, dass insbesondere Verfolgungsjagden jede Menge Charme versprühen: Wenn man sieht, wie die Verfolger in hochgefahrene Poller rasen oder von einem Dampfrohr durch die Gegend gewirbelt werden, ist das ein echt tolles Gefühl. Stylisch ist Watch_Dogs obendrein. Die technisierte Welt zu missbrauchen ist ein tolles Konzept und die voyeuristische Ader wird auch bedient. Da mir das Ganze unterm Strich aber einfach zu trocken ist, wenngleich die Ansätze großartig erscheinen, bleibt Luft nach oben. Ubisoft hat einen hervorragenden Titel programmiert den ich sehr gerne durchgespielt habe, der aber sowohl technisch, als auch in Sachen Gameplay kein Meisterwerk geworden ist.



Note: befriedigend

 
Genre: Action Adventure

Entwickler: Ubisoft
Publisher: Ubisoft

Release: Mai 2014
getestet: Juni 2014 // Xbox One // pal deutsch