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Wolfenstein : the New Order

Ich bin wie die Sonne - eine blendende Macht

 
Irgendwie geht es in Richtung 1984, jenem Roman von George Orwell, der ein sehr düsteres Bild der Zukunft beschreibt. Der Staat herrscht mit harter Hand und das Leben ist geprägt von Einheit und Überwachung, Angst und Misstrauen. Pflanzt man in diese Dystopie jetzt noch die Saat des Nationalsozialismus, kommt dabei etwas unbeschreiblich Fürchterliches heraus - Willkommen in der Welt von Wolfenstein.

Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg mit Atomschlägen auf die USA beendet und zwingt dem gesamten Erdball seit vielen Jahren den Willen des Dritten Reiches auf. 1960 schreiben wir mittlerweile, und der SS stehen hochtechnologisierte Waffensysteme und übermächtige Roboter zur Verfügung. Damit stürzen die Nazis die Welt mit unbändigem Hass kontinuierlich in die Sklaverei und ein vom Hakenkreuz dominiertes Leben. Doch nicht alle Menschen nehmen die Unterdrückung hin. Es gibt einen Widerstand, oft bloß kleine Splittergruppen, aber zu einer davon stößt euer Alter Ego Captain Blazkowicz. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg verwundet wurde lag er 14 Jahre lang im Wachkoma, hat aber in dieser Zeit weder Willens- noch Muskelkraft eingebüßt. Im Gegenteil, seine besondere Zähigkeit treibt das kleine Team des Widerstandes an und mitten aus Berlin heraus werden Feldzüge und Anschläge gegen das Regime geplant und ausgeführt. Die Story ist frisch und interessant, die Figuren charismatisch und selbst der muskulöse Blazkowicz hat mehr im Kopf als Krieg und Explosionen. Ja, ich war überrascht wie intensiv und mitreißend Wolfenstein erzählt wird. Gerne folgt man den Dialogen und sieht sich die vielen Zwischensequenzen an, die dynamisch ins Spielgeschehen eingebaut sind und die einzigartige Atmosphäre imposant untermalen. Denn die fiktive Welt ist glaubwürdig konstruiert worden und fasziniert auf erschreckende und beklemmende Art und Weise. Besonders gut gefallen hat mir auch, dass MachineGames in all diesem Chaos aus Gewalt, Blut, Verlust und Schmerz die Liebe nicht vergessen hat. Muss man erlebt haben!



Wolfenstein : the New Order ist ein spielerisch bodenständiger Shooter. Es braucht keine taktische Finesse, blitzschnell ist man drin im Spielgeschehen und personalisieren kann man weder Waffen noch Hauptfigur. Genau so was wollte ich, denn manchmal ist es im Feierabend einfach schön sich beim Spielen entspannen zu können. Hier geht es von A nach B, ohne Rätsel, ohne Jump & Run Einlagen oder andere Stolpersteine modernen Spieldesigns. Wenn, so wie das hier der Fall ist, die Räder dann auch noch alle ineinander greifen, dann mäht man sich mit großer Freude durch die gegnerischen Reihen und schießt sich förmlich glücklich. Markante Waffen gibt es dafür genug, von der unfassbar klobigen Schrotflinte, bis hin zum mächtigen Laserkraftwerk oder der sprenggewaltigen Stielhandgranate. Damit zerstört ihr jedwede Nazi-Offensive, egal ob sie euch die SS, fliegende Kampfdrohnen oder gepanzerte Schäferhunde auf den Hals hetzen. Der Feind mag übermächtig scheinen, aber ihr seid stärker. Wer nicht auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad spielt, für den mag sogar die Vollgas-Strategie funktionieren. Das macht auch echt Spaß, zumal sich nahezu alle Waffen auch doppelt tragen lassen. Es gibt allerdings auch eine lautlose Alternative. Haltet also die Augen auf nach Abkürzungen, hockt euch hin um unentdeckt zu bleiben, kriecht durch Lüftungsschächte und werft im rechten Moment ein Messer. Bei Wolfenstein kann man darüber hinaus sogar aus der Deckung heraus arbeiten. Ist sogar notwendig, denn eure Gesundheit lädt sich nicht von alleine wieder auf. Dazu bedarf es - ganz klassisch - eines Medikits.

Hübsch ist the New Order, wobei die grafische Qualität nicht konstant gut ist. Gelegentlich tun sich echt hässliche Ecken auf, die erfreulicherweise aber von der tadellosen Atmosphäre und dem tollen Gesamtbild geschluckt werden. Die Synchro bleibt ohne jeden Makel, vor allem in der von mir gespielten UK Fassung ein echter Trumpf. Ein wahrer Trumpf war für mich persönlich auch die KI der Widersacher. Die ist nämlich eher unterirdisch und hat mir das Leben durchaus erleichtert. Nicht nur, dass die Nazis alle relativ schlecht hören, Nein, sie sehen auch nicht sonderlich gut. Man wird stellenweise fixiert, die Soldaten drehen sogar den Kopf, aber nichts passiert. Und umgefallene Kameraden regen hier auch niemanden auf. Wird man allerdings dann doch entdeckt, verstärken sich die Gegner zügig und feuern aus allen Rohren. Man merkt nur leider nicht immer wenn man getroffen wird. Das Treffer-Feedback ist eher schlecht, was vor allem dann auffällt wenn man vorher einen anderen Ego Shooter gespielt hat. Führt dann leider dazu, dass man irgendwann einfach umkippt.



Stahl, Knochen, Blut, Eisen. Die Entwickler haben sich aus der facettenreichen deutschen Sprache hauptsächlich harte Worte geschnappt. Davon bekommt man hierzulande kaum was mit, denn unsere Fassung ist erstens komplett synchronisiert (es fehlt also der Kontrast zum Englischen) und außerdem natürlich zensiert. Denn Unterhaltungsmedien dürften noch immer kein Hakenkreuz zeigen oder sich der Sprache des Nationalsozialismus bedienen. Schon merkwürdig, wo man doch sonst in allen Lagen kritisch mit dem Thema umgeht. Das Telespiel wird indes weiterhin ignoriert und man bleibt strikt und plump beim Verbot. Aus meiner Sicht mittlerweile fahrlässig, überflüssig und in jedem Fall stark veraltet.

Etwas veraltet ist auch das Rahmenprogramm bei Wolfenstein. Ist die Kampagne das erste Mal bewältigt zieht euch nichts mehr zurück. Die Sammelobjekte motivieren nicht ausreichend, einen Mehrspieler hat Bethesda nicht gewollt und die Spielmodi die man mit der Enigma Maschine freischaltet (unendlich Munition, 999 Gesundheit) klingen witzig, haben mich aber schließlich und endlich doch nicht überzeugt. The New Order hatte vermutlich nie den Anspruch perfekt zu sein, schafft das auch nicht, ist aber ein extrem unterhaltsames Spiel geworden. Das Szenario, die interessanten Level, die dicht erzählte Geschichte und das sehr sauberere Gameplay sorgen für erstklassige Unterhaltung.



Note: gut

 
Genre: Ego Shooter

Entwickler: MachineGames
Publisher: Bethesda Softworks

Release: Mai 2014
getestet: November 2014 // Xbox One // pal uk // Limited Edition