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the Witcher 3 : Wild Hunt

Verliebt in ein paar Zauberinnen

 
Was mir das Liebste aus Polen ist? Meine Freundin. Danach? Belvedere Vodka und the Witcher. Dabei habe ich dieses unglaubliche Videospiel gerade erst für mich entdeckt. Die Bücher habe ich nicht gelesen, Teil 1 und Teil 2 verschmäht, aber trotzdem eine Menge Geld für die Limited Edition von Teil 3 hingeblättert. Mit dem Ergebnis, dass ich seither nicht mehr im Büro arbeiten möchte, sondern als Hexer. Mein neues Vorbild ist Geralt von Riva, zugleich gefürchtet und verehrt. Ein Fantasy-Cowboy in einer kompromisslos schroffen Welt voller Abenteuer. Mit wallendem Haar galoppiert er auf seinem Pferd durch wunderschöne Ebenen und Steppen, macht Halt in Dörfern, trinkt, spielt und erledigt für bare Münze die widernatürlichsten Unholde. Wie gern würde auch ich Tränke brauen, meine Klingen ölen, Zeichen wirken, Rüstungen schmieden oder meinen Gegenüber elegant in zwei Hälften schneiden. Leider gab und gibt es in Düsseldorf keine Hexerschule. Meine Instinkte sind deshalb vergleichsweise unterentwickelt, dafür habe ich aber immerhin meine Emotionen behalten. Jippie...



Apropos Emotionen: Komplizierte Verstrickungen in Sachen menschliches Miteinander gibt es bei the Witcher zu Hauf. Der Plot ist sehr reif und erwachsen, thematisiert Dinge wie Rassismus, Treue und Krieg. Es gibt große übergeordnete Konflikte die eine Rahmenhandlung vorgeben, allerdings auch jede Menge kleinere Probleme und Aufgaben. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen kann man hier aber nicht immer jeden glücklich machen und oft denkt man lange über die richtige Entscheidung nach. Wie es sich für ein RPG gehört, haben jene Entscheidungen oftmals dramatische Konsequenzen, die sich mitunter erst nach vielen Stunden bemerkbar machen. Geralts eigentliche Mission ist aber die Suche nach seiner Tochter Ciri. Trotz seiner geschärften Instinkte verliert er immer wieder ihre Spur und muss deshalb viele Orte bereisen und Menschen und Geschöpfe nach ihr fragen. Diese wollen wiederum die Dienstleistungen des Hexers nutzen, bevor sie verraten was sie wissen. Kein Wunder eigentlich. Geralt ist eine wahre Legende. Er bricht Flüche, reinigt von Monstern besetzte Landstriche und stellt sich im blutigen Kampf jeder Bedrohung in den Weg. Viele jener Missionen sind eigentlich Sidequests, die aber so hervorragend inszeniert sind und obendrein eine bemerkenswerte Komplexität mit sich bringen, dass man sich fast völlig darin verlieren kann. Das tolle Menü hilft euch den Kurs zu halten und bietet abseits davon auch noch eine Karte, euer Inventar und eine Übersicht zu Geralts Fähigkeiten. Das wirkte auf mich zunächst sehr simpel, offenbarte dann aber ungeahnten Tiefgang. Denn auch im Charakterbaum ist es nicht möglich sich für alles zu entscheiden und eine magische Kampfmaschine zu erschaffen. Wer den Schwertkampf ausbauen will, tut dies beispielsweise auf Kosten der Alchemie oder der magischen Fähigkeiten. Mit Hilfe von Mutagenen wird das System weiter verfeinert und von Ölen, Tränken und eurer Kampfausrüstung schließlich abgerundet.

Als High-End Hexer ist Geralt immer mit zwei Klingen unterwegs, gegen Menschen und Monster, und im Kampf auf gut getimte Paraden und gekonnte Gegenstöße angewiesen. Die richtige Würze verleihen den Echtzeit-Gefechten dann eure magischen Fähigkeiten, die Flammenschaden oder einen kinetischen Stoß möglich machen, ebenso wie Hypnose. Schwert und Magie lassen sich flüssig miteinander verbinden, um auch gegen mehrere Gegner die Überhand zu gewinnen. Die Feinde sind allerdings wirklich stark und ausdauernd, was vor allem die Vorbereitung in den Fokus rückt: Waffenöle gegen ganz bestimmte Widersacher oder leistungssteigernde Tränke können durchaus kampfentscheidend sein. In seiner Vielfalt und Liebe zum Detail hat mich das Bestiarium ziemlich überrascht. The Witcher bringt euch Greifen, Trolle, Wasserweiber, Vampire, Golems, barbusige Sukkubi und mehr. Erfreulich, dass CD Projekt RED in den Kämpfen die richtige Mischung aus roher Gewalt und taktischer Disziplin trifft.



Wild Hunt ist ein völlig offenes Spiel und erlaubt euch zu jeder Zeit an jeden Ort zu reisen - mit entsprechenden Konsequenzen. Wer die Landschaft genießen will verzichtet auf die Schnellreise und erkundet Novigrad zu Pferde, entdeckt geheime Orte, Banditenlager oder neue Hexeraufträge. Wer weiter in die Geschichte eintaucht, der sprengt problemlos die 100 Stunden Marke und kann auch gut und gerne 130 Stunden mit Geralt durch die Lande ziehen. Während dieser Zeit hat mich der Hexer, im übertragenen Sinne, auf viele Arten berührt: Es gibt epische Gefechte, die mich in Rage versetzten, schwerwiegende Entscheidungen, die mich in die Nachdenklichkeit getrieben haben und oft war ich einfach nur begeistert und überwältigt von der Qualität der Dialoge, der Geschichte und dem Missionsdesign. Das RPG ist intelligent, facettenreich, emotional und sogar technisch makellos. Die tolle Grafik kommt mit ganz wenigen Ladezeiten aus und entführt euch in eine mystisch mittelalterliche Welt. Darüber hinaus wurde der Titel unglaublich gut ins Deutsche synchronisiert und schafft eine schlicht atemberaubende, dichte und packende Atmosphäre.

Größtes Manko des Spiels ist für Laien der relativ knackige Einstieg und für alle anderen die unnötig hakelige Steuerung. Weder butterweich noch exakt, manchmal sogar im Zusammenspiel mit einer unfairen Kamera. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich daran und kommt irgendwann klar, zumal das Problem meist nur in sehr engen Räumlichkeiten auftritt. Dazu kommt, ich muss es erwähnen, dass euch auch ein Spiel dieser Qualität oft von A nach B schickt, damit ihr einen Gegenstand zu C bringt. Standard, auch bei derart großen und wertigen RPGs. Unterm Strich sorgen die genannten Mängel aufgrund der überwältigenden Spielerfahrung für 0% Punktabzug. Geplant sind übrigens, neben den bereits laufenden gratis DLCs, zwei umfangreiche neue DLCs, die nochmal 30 Stunden auf die Uhr bringen sollen. Ganz gleich ob man die nun kauft oder nicht, the Witcher 3 : Wild Hunt ist ein absolutes Must Have!



Note: sehr gut

 
Genre: RPG

Entwickler: CD Project RED
Publisher: Namco Bandai

Release: Mai 2015
getestet: Juli 2015 // Xbox One // pal deutsch // Limited Edition