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Halo 5 : Guardians

Wenn eine KI den Verstand verliert

 
"Sicherlich ist Halo 5 ein gutes Science Fiction Spiel", flüstere ich leise vor mich hin, "doch wo ist sein Zauber?" Mit einer Träne im Auge streiche ich über meine neue 1TB Konsole in schickem Spartan-Look, werfe den beiden limitierten Controllern einen flehenden Blick zu und lösche dann das Licht. Der Zauber meint die Mischung aus einer weitläufigen Solo-Kampagne und einem wegweisenden Mehrspieler. Er meint die Verbindung von Spielwitz mit einer unterhaltsamen Geschichte. Der Zauber meint, dass Halo einst Maßstäbe setzte, ein Vorbild war, mich bis in meine Träume begleitete. Jener Zauber ist 343 Industries leider abhandengekommen. Nach dem katastrophalen Start der Master Chief Collection macht Halo 5 zwar in Sachen Performance alles richtig, lässt aber dennoch jedweden Glanz vermissen. Blass ist er geworden, der Ego Shooter, der heutzutage in der Masse untergeht und seinen Platz an der Spitze verloren hat.



Was ist geschehen? Der Weggang von Bungie hat sich schon bei Teil 4 deutlich bemerkbar gemacht, jedoch gab es neben einigen suboptimalen Veränderungen auch viele gelungene und frische Ansätze. Unglücklicherweise ist an den positiven Dingen kaum gearbeitet worden, stattdessen kommen weitere negative Aspekte hinzu. Ich kontrolliere beispielsweise das halbe Spiel über weder den Master Chief, noch den Gebieter, sondern den uninteressanten Spartan Locke. Zu meinen Gegnern gehören vornehmlich die Prometheaner, nervige und charakterlose Widersacher, und obendrein ist der Einzelspieler rasch beendet. Verloren gegangen sind leider auch die Weitläufigkeit und das tolle Gefühl von Größe. Alles wichtige Kernelemente von Halo. Ich frage mich noch immer, weshalb sich 343 diesen eher langweiligen Part des Universums ausgesucht hat, wieso das Treffer-Feedback sich mangelhaft anfühlt, was aus den imposanten Skyboxen geworden ist, wieso die Framerate in der Halbdistanz reduziert werden muss oder was man sich bei Lava, Schnee und einigen Bodentexturen gedacht hat - die sehen zum Teil schlichtweg beschissen aus.

Schon merkwürdig, dass ich so von Halo spreche. Ein Spiel, das ich seit Teil 1 blind kaufe und von dem ich jede Episode von oben bis unten durchgespielt habe. Selbstverständlich macht auch Guardians nicht alles falsch. Die wunderbaren Waffenmodelle, alle mit individuellem Zoom, die hochwertige Vertonung mit tollem Soundtrack und die herausragenden Zwischensequenzen zeigen deutlich, dass bei 343 Industries keine Idioten am Werk sind. Ganz im Gegenteil, die neu gewonnene Agilität der Protagonisten gefällt mir richtig gut. Dank pfeilschnellen 60fps und den seitlichen Schubdüsen bestreitet man die Gefechte ganz anders als früher. In Sachen Bewaffnung ist zudem alles mit an Bord was seit Combat Evolved Rang und Namen hat: Von der Magnum über den Needler, bis hin zum Gauss-Geschütz oder dem Scorpion-Panzer. Auf den höheren Schwierigkeitsgraden muss man die Umgebung taktisch nutzen, auf seinen Schild aufpassen, blitzschnell auf die bissige KI reagieren und sich um Munition bemühen. Euer Fireteam, bestehend aus drei weiteren Spartanern, steht euch gegen die feindlichen Außerirdischen zur Seite, und das oft mit Erfolg. Die lebendigen Schlachtfelder sind randvoll mit Granaten, Blasterschüsse und Projektile zischen an euch vorbei und im Hintergrund bekämpfen sich Allianz und Prometheaner. Das alles für und gegen Cortana, inszeniert wie ein echter Thriller. Es passiert also: Man amüsiert sich mit Halo 5, weil es ziemlich viel ziemlich gut macht.



Wenn man genug von der Story hat kann man sich problemlos in den Multiplayer retten, der für die meisten einen ähnlichen oder sogar höheren Stellenwert hat. Bei Guardians besteht dieser aus dem Arena- und dem Kriegsgebiet Modus. Ersterer ist eigentlich altbekannt, da er die klassischen Spielvarianten nutzt und auf eher kleinen Karten ausgetragen wird. Ganz im Gegensatz zu den 23 Spielern die im Kriegsgebiet auf ziemlich großen Karten um die Vorherrschaft kämpfen. Besonderes Augenmerk liegt dort auf dem REQ System, welches auf Aktionskarten basiert und euch Waffen, Ausrüstung und Fahrzeuge - vom Quad bis zum Mantis - bringen kann. Wer jenes Konzept verinnerlicht hat, der erlebt wirklich packende Schlachten, die immer anders ablaufen und bei denen reichlich KI Gegner mitmischen. Überzeugt bin ich insgesamt aber trotzdem nicht. Vieles ist mir zu glatt geworden, zu viel wurde von der Konkurrenz kopiert. Hinzu kommt die zum Teil fürchterliche Optik, die mich im Ausbruch Spielmodus absolut vom Hocker gehauen hat. Andere Dinge muss man hingegen loben, wie die vollen Lobbys oder die flüssige Performance. Durch die erhöhte Mobilität der Spartans sind die Schlachten rasant und kurzweilig und nahezu alle Modi haben einen gewissen Charme. Darüber hinaus arbeiten die Entwickler laufend weiter am Titel und haben so u.a. schon die Big Team Battles nachliefern können. Zwar hätten die aus meiner Sicht von Anfang an dabei sein müssen, aber besser spät als nie. Mittlerweile Standard sind wechselnde Spiellisten und die Individualisierung eurer Figur - was viele Konkurrenten allerdings besser machen.

Nach all den Monaten der Vorfreude hat mich Halo 5 : Guardians insgesamt bitterlich enttäuscht. Schnell hat mein Clan aufgehört das Spiel zu spielen und auf die Koop-Kampagne hat seit geraumer Zeit ebenfalls einfach niemand Lust. Der Plot, zum Teil die Technik, vor allem aber das Gameplay, das Feeling und die Atmosphäre werden der Serie nur ganz selten gerecht und es bleibt die schmerzliche Erkenntnis, dass Bungies Weggang nicht kompensiert werden konnte. Halo hatte immer viele Alleinstellungsmerkmale, von denen die meisten mittlerweile weggefallen sind. Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Allein die Tatsache, dass man nicht mal eben Vier gegen Vier mit Fahrzeugen spielen kann oder die Story mehrfach erleben möchte, reicht für die strenge Bewertung. Guardians ist ein toller Ego Shooter, ein super Sci-Fi Vergnügen, aber kein Halo - und ganz sicher kein Meisterwerk.



Note: befriedigend

 
Genre: Ego Shooter

Entwickler: 343 Industries
Publisher: Microsoft

Release: Oktober 2015
getestet: Januar 2016 // Xbox One // pal deutsch // Download // Limited Edition