blindesehenlahmegehen

Akrobatik mit Buchstaben

   
Start
Artikel
Testberichte
Xbox One
Xbox 360
braune Momente
 
 
 

Guitar Hero Live

The house is a rockin', don't bother knockin'

 
Zum Rockstar geboren: Mit Dosenbier bewaffnet, einem wild wippenden Fuß im Hochflorteppich, aufgedrehter Anlage und mäßig schwungvoller Hüfte stehe ich auf meiner kleinen Privatbühne. Zwischen Couch und Couchtisch. Der Fernseher ist das Tor zu meinen Fans und mit meiner Gitarre erwecke ich zahllose Songs zum Leben. Rock, Metal, Grunge, Punk, alles ist mit dabei. Das führt dazu, dass ein Gentleman Mitte 30 im eigenen Wohnzimmer ein Gitarrensolo nach dem anderen abschmettert - was auf Außenstehende befremdlich wirken kann. Jedenfalls schließe ich das aus dem beschämten Blick meiner Freundin, die sogar die Vorhänge zugezogen hat! Was? Ich bin Musiker! Die Nachbarn sollen mich sehen. Staunen sollen sie!



Dennoch kann man nicht von der Hand weisen, dass die Faszination um die Plastikperipherie stak nachgelassen hat. Oft denke ich an die Zeit in der Wohngemeinschaft zurück, als Gäste noch ohne zu Fragen nach der Gitarre griffen und spielen wollten. Ist lange her. Jetzt wollen die Gäste lieber ein Glas Wein oder noch was vom guten Käse. Sei es drum, mir persönlich hat ein neues Guitar Hero echt gefehlt. Entsprechend motiviert habe ich den Karton ausgepackt, die Gitarre zusammengesteckt und anschließend von allen Seiten beäugt: Wertiger sieht sie aus und gut fühlt sie sich immer noch an. Jetzt ohne kindisch bunte Tasten, dafür mit sechs dezenten Knöpfen oben am Kopf. Ein Schultergurt sichert das gute Stück, wobei man theoretisch sogar im Sitzen spielen kann. Fiel mir allerdings ein wenig schwerer. Dank simpler Menüs funktioniert die Gitarre übrigens behelfsmäßig ganz gut als Controller und mit wachsender Souveränität bahnt man sich den Weg zum gewünschten Spielmodus.

Davon gibt es auf den ersten Blick zwei Stück, GH Live und GHTV. Ersteres ist die Kampagne, aus der Activision bzw. FreeStyleGames alles rausgeholt hat was geht. Man erlebt den eigenen Auftritt nämlich aus der Ego Perspektive und mit echten Menschen. Vom Gang auf die Bühne, bis hin zum Publikum, ist alles komplett aus eurer Perspektive gefilmt und wird von echten Schauspielern gekonnt präsentiert. Das Ergebnis ist, wenn man sich darauf einlässt, fantastisch. Man ist wirklich mittendrin, steht voll im Fokus und sowohl eure Band, als auch das Publikum, reagieren auf euch. Rockt ihr die Show, dann gibt es jubelnde Mädchen und Jungs, die Frontfrau lächelt einem zuversichtlich ins Gesicht und man genießt die tolle Aussicht. Vergeigt man es aber, wird man zum Schandfleck und das Unverständnis der Band trifft einen mit voller Härte. Es ist aufwändig gemacht, gut umgesetzt und Stimmung wie Atmosphäre übertragen sich schnell ins heimische Wohnzimmer und auf die eigene Person. Dank verschiedener Bühnen und verschiedener Bands ist auch für Abwechslung gesorgt und mir hat die neue Art der Präsentation hervorragend gefallen.



GHTV, der zweite Modus, ist auch eine Art Einzelspieler, geht aber anders an die Sache heran: Bühnenshow und Band gibt es hier nicht, man orientiert sich stattdessen am klassischen Musikfernsehen. Zwei Sender stehen euch zur Auswahl, die 24h lang ein festes Programm abspielen. Die Songauswahl haben die Entwickler immer unter einem bestimmten Leitmotto festgelegt, beispielsweise die 90er, Indie Songs oder verschiedene Metal Playlisten. Beim Spielen wird man mit den originalen Musikvideos im Hintergrund unterhalten - tolle Idee, trägt aus meiner Sicht ebenfalls ideal zur Atmosphäre bei. Während man jammt und rockt steigt man im Level auf, kann die Gitarre ein wenig personalisieren und verdient die ein oder andere Guitar Hero Marke. Ebenfalls bei GHTV verfügbar ist der Songkatalog, der aus meiner Sicht die klassischste aller Spielvarianten ist: Lied aussuchen, Schwierigkeit einstellen, rocken, Sterne kassieren. Neu ist jedoch, dass der Katalog euch nicht gestattet beliebig viele Songs zu spielen. Denn jedes direkt aus dem Katalog abgerufene Lied kostet euch die erwähnten Guitar Hero Marken. Ich musste es zwar nicht am eigenen Leib erfahren, aber dieses eher intransparente Prinzip kann rein technisch gesehen dazu führen, dass man seinen Lieblingssong nicht spielen kann. Und das in einem für viel Geld eingekauften Produkt. Drückt schon ordentlich auf die Stimmung. Eine Erklärung ist möglicherweise der enorme Umfang des Kataloges, der mit über 200 Titeln so viel Auswahl bietet wie noch nie zuvor. Außerdem sind alle Tracks sofort verfügbar, man muss diese nicht mehr freispielen. Die Bandbreite ist hochwertig und beeindruckend und da ich nie in Verlegenheit geraten bin keine Marken mehr zu haben, spricht aus mir just Begeisterung.

Das altbekannte Gameplay bedarf nur weniger Worte und steht und fällt in allen Modi mit eurer Fingerfertigkeit. Der Schwierigkeitsgrad entscheidet über die Anzahl der Noten und deren Komplexität. Sechs Tasten gibt es, oft muss man zwei gleichzeitig betätigen. Ab dem mittleren Schwierigkeitsgrad muss man umgreifen, was mir gar nicht leicht fiel, die Tasten müssen zudem häufiger und schneller gewechselt werden und zu guter Letzt gibt jedes Lied noch ein eigenes Tempo vor. Zu sehen sind die Noten auf eurem virtuellen Gitarrenhals. Sie laufen von oben nach unten herunter und müssen im richtigen Moment mit Kippschalter und besagten sechs Tasten aktiviert und getroffen werden. Geht grundsätzlich schnell in Fleisch und Blut über, ist jedoch wirklich hart zu meistern. Dank des Gitarrencontrollers wird dieser simple Reaktionstest dann zu einer echt magischen Sache, also dem, was Guitar Hero wirklich ausmacht. Wie sich mittlerweile gezeigt hat, steht die Welt aber nicht mehr auf solche Shows, was sich in unschönen Verkaufszahlen zeigt. Schade. Mir war eigentlich nur der Kippschalter zu laut. Davon abgesehen schätze ich Guitar Hero Live sehr. Spielt man nicht jeden Tag, nicht mal jede Woche, dann macht es mir aber immer viel, viel Freude.



Note: gut

 
Genre: Sonstiges

Entwickler: FreeStyleGames
Publisher: Activision

Release: Oktober 2015
getestet: April 2016 // Xbox One // pal deutsch