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Rainbow Six : Siege

Fünf gegen Fünf

 
Siege ist eine englische Vokabel und bedeutet übersetzt Belagerung. Deshalb, weil es beim neuen Rainbow Six ausschließlich um den Bau einer Festung geht. Team A verschanzt sich, Team B versucht das errichtete Bollwerk zu stürmen. Ein simpler Ansatz, aber nicht minder faszinierend. Eng angelehnt an reale Terroreinsätze und in der Haut von tatsächlich existierenden Spezialeinheiten in packenden Fünf vs. Fünf Gefechten. Klingt das nicht hervorragend? Das tut es! Genau deshalb war die Art of Siege Edition ein Blindkauf für mich, was ich mir dringend abgewöhnen muss. Denn die erste halbe Stunde in der Welt des neuesten Tom Clancy Titels war ein Albtraum. Lediglich meinen penetranten Xbox Freunden ist es zu verdanken, dass unterm Strich dann doch noch alles glimpflich ausgegangen ist.



Das größte Problem von R6 ist die mangelnde Qualität. Steuerung und Technik bewegen sich auf eher unterdurchschnittlichem Niveau und werden dem Namen der Serie nicht gerecht. Es gibt leider auch keine Story, keine bombastische Inszenierung und erstaunlicherweise auch kein taktisches Zusammenspiel mit KI Kameraden. Nahezu alles, was die Vegas Spiele so unvergesslich gemacht hat, ist gestrichen worden. Zugegeben, davon konnte man zum Großteil auch ausgehen. Schade bloß, dass die Rückschritte nicht vernünftig kompensiert wurden und es einem lange Zeit so vorkommt, als hätte man ein Add-on geladen.

Das Hauptmenü unterstreicht jene kesse Aussage meinerseits. Nur drei Spielmodi stehen euch zur Auswahl, einer davon ist der Mehrspieler. Wer, wie ich, immer erst ein wenig üben will, der widmet sich am besten den Situationen. Die ersetzen den Einzelspieler, sind aber eigentlich nur ein umfangreiches und ziemlich schweres Tutorial. Im Grunde genommen macht man hier all das was man im Spiel machen kann, aber alleine. Was völliger Unsinn ist. Aber KI Verbündete werden euch auch bei z.B. einer Geiselnahme nicht zur Seite gestellt. Ebenfalls ohne KI, aber dafür mit Fremden oder Freunden, funktioniert die Terroristenjagd. Hier habe ich die meiste Zeit verbracht und in zufälligen Spielmodi den internationalen Terror bekämpft. Bomben entschärfen, Geiseln befreien oder Gebiete sichern sind eure Aufgaben, wobei das Spiel strikt nach Angriff und Verteidigung trennt. Die elf Operator, die für den Angriff zur Auswahl stehen, besitzen herrliche Zerstörungswerkzeuge und können die gesamte Karte nutzen. Verteidiger hingegen sind besser gepanzert, haben Minen und Sprengfallen und werden vom Spiel dazu gedrängt, die meiste Zeit wie feige Camper in der Gegend herum zu liegen. Allen Einsatzkräften gemein ist eine Spezialfähigkeit: Sledge reißt mit seinem Hammer fast alle Wände ein, der mächtige Schild von Blitz blendet die Feinde und wenn Kapkan die Türen mit Laserfallen gesichert hat, zerfetzt es jeden Eindringling. Diese Fähigkeiten sind nicht das A und O, können einen Kampf aber durchaus stark beeinflussen. Die markanten Kämpfer tragen auf jeden Fall zur Atmosphäre bei und das Fireteam kann sich schon bei der Wahl der Figuren auf eine Strategie einstellen.



Ich bin jedoch immer noch ein wenig überrascht, wie wenig Rainbow Six sich im Rahmen der Terroristenjagd ausgedacht hat. Man sammelt Ansehen und steigt im Level, außerdem kann man die Figuren geringfügig individualisieren. Das ist es dann aber auch schon gewesen und übrig bleibt die ständige Wiederholung - weil man auf den ziemlich kleinen Karten eigentlich immer dasselbe tut. Ein Teil der Gruppe sprintet los und verschafft sich Zugang, ein anderer hätte vorher gerne das Gelände observiert. Besser ist die Bildung kleiner Teams und das Räumen eine Etage nach der anderen. Die Spezialeinheiten brechen dabei durch Fenster und gelangen über Dächer oder Keller ins Haus - ihr habt freie Wahl, doch jeder Zugang birgt Risiken. Die Entwickler haben übrigens etwas geschafft, was schwer zu beschreiben ist: Beim Spielen verfällt man mitunter in eine stoische Konzentration, eine merkwürdig heilige Ruhe. Wenn alle Räder ineinandergreifen, also das Team zusammenarbeitet, der Schwierigkeitsgrad sinnvoll erscheint und die Bewaffnung mitspielt, dann wird aus dem schnöden Siege plötzlich ein hervorragendes Spiel. Ich hatte das leider nicht oft, weil viele Faktoren die Perfektion verhindern. Beispielsweise wenn der Host das Spiel für alle beendet, Teamkiller nicht ausreichend simpel aus dem Match geworfen werden können oder der Schwierigkeitsgrad mal wieder zu leicht ist. Umso besser also, wenn man Freunde an seiner Seite hat. Mit vier willigen Kameraden offenbart die Terrorjagd ihr wahres Potential, welches sich ohne Einschränkungen voll und ganz auf den Mehrspieler übertragen lässt, dem eigentlichen Herzstück des Titels. Hier braucht es Strategie, eine ruhige Hand, lebendige Kommunikation und Kontinuität. Sodann sind die Gefechte gegen fünf menschliche Widersacher eine unfassbar spannende Angelegenheit.

Meine anfängliche Schockstarre hat sich nach einigen Stunden zwar in Wohlgefallen aufgelöst und ich erkenne deutlich welches Ziel die Entwickler verfolgt haben, trotzdem hat mich der Ego Shooter insgesamt eher enttäuscht. Er bietet zu wenig, die KI erscheint zumeist dümmlich (wenngleich enorm zielstrebig) und selbst der Realismus bleibt auf der Strecke. Warum bleibe ich in eigenem Stacheldraht nicht hängen und warum lösen sich die Leichen auf? Dazu kommen die bereits angesprochenen Schwierigkeiten. Schon erstaunlich, dass vor allem handwerkliches Ungeschick, technisches Unvermögen und mangelnder Umfang Anlass zur Kritik geben. Hätte man hier alles richtig gemacht und eventuell eine Kampagne programmiert, Siege hätte wirklich was werden können. Nach all der Kritik jetzt aber noch versöhnliche Worte, denn missen möchte ich den Titel nicht. Wer taktisch gefordert werden will und die Strategie bei vielen Konkurrenten vermisst, der kommt voll auf seine Kosten. Wer dann auch noch in den Genuss der ein oder anderen perfekten Runde kommt, der vergisst das Spiel so schnell nicht.



Note: befriedigend

 
Genre: Ego Shooter

Entwickler: Ubisoft
Publisher: Ubisoft

Release: Dezember 2015
getestet: Februar 2016 // Xbox One // pal deutsch // Limited Edition