God of War


Der Acker im Herzen eines Mannes ist steiniger


Seine Wut ist erloschen, die Flammen der Leidenschaft brennen nicht mehr. Sein Gesicht ist gezeichnet von den Qualen der Erinnerung, die Augen leer, sein Blick finster und streng. Ein dichter Bart verbirgt Teile der roten Tätowierungen und der weißen Haut. Der Geist Spartas, wie Kratos einst genannt wurde, ist zu jemand anderem geworden. Jemandem, der alles hinter sich gelassen hat, geflohen ist. Jemandem, der sein Glück gefunden und doch wieder verloren hat. God of War beginnt mit dem bewegenden Begräbnis seiner Frau Faye, mit der er viele Jahre zusammengelebt hat. Gemeinsam mit seinem Sohn Artreus bereitet er einen Scheiterhaufen vor und übergibt ihre sterblichen Überreste dem Jenseits. Um der verlorenen Frau und Mutter die letzte Ehre zu erweisen, brechen Vater und Sohn zum höchsten Gipfel Midgards auf – dort wollen sie ihre Asche verstreuen.



Doch die Reise ist kein friedlicher Trauerzug. Midgard ist ein unwirtlicher Ort, gezeichnet von Krieg, dem Zorn der Götter und voller tödlicher Gefahren. Immer und immer wieder werden Kratos und Artreus auf die Probe gestellt, müssen Umwege nehmen, Hindernisse einreißen und sich den Weg durch die verschiedenen Welten hart erarbeiten. Erstaunlich, mit wie viel Kraft und Energie die Geschichte erzählt wird. Allein die makellose Präsentation macht GoW zweifelsohne zu einem der eindrucksvollsten Spiele der letzten Jahre. Der im Kern relativ simple Plot entwickelt sich zu einer epischen Wanderung, auf der so viel passiert, dass ich es gar nicht in voller Breite beschreiben kann (und möchte). Das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird auf reife und erwachsene Art thematisiert, überdies haben unzählige Dialoge, Geschichten und Mythen ihren Weg ins Spiel gefunden. Die Darbietung des Ganzen ist schlicht brillant, hochwertig und dadurch unvergesslich. Ich fürchtete zu Beginn noch, dass der Wechsel von griechischer zu nordischer Mythologie scheitern könnte, wurde aber eines Besseren belehrt: GoW strotzt vor Details, ist ungeheuer faszinierend, umfangreich, durchdacht und glaubwürdig.

Die Entwickler mussten dafür einige Merkmale der Serie aufgeben. Der agile Kratos, der früher viel gesprungen ist und mit seinen Chaosklingen für wildes Grauen sorgte, ist in Midgard nur mit einer Axt bewaffnet. Dadurch, und durch eine andere Art der Kameraführung, ist man als Spieler sehr viel näher dran an den Kämpfen. Gelöst hat man sich zudem von den erwähnten Sprung- und Geschicklichkeitspassagen. Stattdessen rücken die packenden Gefechte weiter in den Fokus, die trotz mangelnder Vielfalt in Sachen Bewaffnung keinesfalls eindimensional sind. So eignet sich die Axt beispielsweise hervorragend als tödliches Wurfgeschoss und kann im Spielverlauf mit zahlreichen neuen Attacken und Zaubern aufgewertet werden. Ob ihr die Gegner betäubt, massiven Flächenschaden austeilt oder lieber auf Distanz bleibt, entscheidet man von Widersacher zu Widersacher fast schon intuitiv – wobei auch die eigenen Vorlieben eine Rolle spielen. Individualisierung nennt sich das heutzutage und ist eine der neuen Stärken des Titels. Schmiedet Rüstungen, kauft Talismane zur Verstärkung, tauscht Spezialangriffe und spielt mit euren Statuswerten. Das ist äußert unterhaltsam, flüssig und wirkt sich massiv aufs Spielgeschehen aus. Nach einigen Rückschlägen zu Beginn, ganz einfach ist GoW nicht, hatte ich Kratos später gut im Griff. Jene Sicherheit fühlt sich großartig an. Blitzschnell wechselt man vom Block zur Hechtrolle, sondiert das Schlachtfeld und kontert dann mit brutal-martialischen Gegenstößen mit der Axt. Artreus reift an eurer Seite übrigens zu einem echten Krieger heran und unterstützt euch im Kampf mit Pfeil, Bogen und einer rasiermesserscharfen Klinge. Bei richtigem Timing kann er ein aussichtsloses Gefecht durchaus noch zu euren Gunsten entscheiden, außerdem ist sein Bogen mit unheilvoller Magie aufgeladen und lässt imposante Attacken vom Stapel. Wenn alle Stricke reißen, kann sich Kratos in eine Art spartanischen Rauschzustand versetzen und mutiert zu einer alles zerstörenden Bestie – was beeindruckend ist, da er das ja vorher eigentlich auch schon war. GoW ist in Summe weniger Button Mashing als früher, dafür öffnen sich neue Pfade für unterschiedliche Strategien. Wirkt es im ersten Moment noch, als fehle dem Titel eine gewisse Dynamik, so verliert sich jener Eindruck nach ein paar Stunden vollständig. Intensiver gehts nicht!



Sony löst sich auch in Sachen Levelprogression vom Modell der Vorgänger und gibt uns ausreichend Möglichkeiten Midgard zwanglos und nach eigenem Interesse zu bereisen. Open-World, jedenfalls in Teilen. Denn wenngleich es ungemein viele Geheimnisse und Orte zu erforschen gibt, so hat man sich hier ein wenig übernommen: Die nordischen Welten, die man über einen zentralen Hub erreicht, sind teils erschreckend klein und, wie der gesamte Rest Midgards, gähnend leer. Man begegnet nur wenigen NPCs, dafür stolpert man viel zu oft über die nervigen Zwerge. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau. Ich bin trotzdem stundenlang mit dem Boot über den Lake of Nine gefahren, habe Gold gehortet, Truhen aufgespürt, Sidequests bearbeitet und Ressourcen gesammelt. GoW ist deutlich im Umfang gewachsen und es gibt wirklich eine Menge zu tun. In einer Fortsetzung dürfen Dörfer, andere Händler, mehr Bosse, Freunde und Feinde aber dann nicht mehr fehlen.

Monumental: Wenn sich das fulminante Gameplay, die rasante Story und die phänomenale Optik und Akustik vor euren Augen miteinander verbinden, sitzt man kerzengerade und hellwach auf der Couch. God of War ist in meinen Augen weit weg von der Perfektion, dafür gab es auch die ein oder andere Durststrecke zu viel, trotzdem ist es ein auf ganzer Linie beeindruckendes, opulentes Meisterwerk. Die Entwickler haben viel gewagt und der Plan ist aufgegangen: Der Wechsel in die nordische Mythologie, die Charakterentwicklung, Artreus als Begleiter und auch die wuchtige Axt funktionieren in Summe hervorragend. Macht euch darauf gefasst, in einen intensiven, atmosphärischen Strudel aus Faustkampf, Magie und Emotionen hinabgesaugt zu werden.


★★★★★★     (sehr gut)

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Genre: Action
Entwickler: SIE Santa Monica Studio
Publisher: Sony Interactive Entertainment

Release: April 2018
getestet: Mai 2018 // PlayStation 4 // pal französisch