the Division 2


Das Ende der Welt


Bin ich schon zu lange hier draußen? In den leeren Straßenzügen dieser einst mächtigen Metropole, wo die Natur sich durch den Asphalt kämpft und alles vom Menschen Geschaffene immer weiter verrottet und stirbt. Als ich den Schrei höre, bekomme ich nicht mal mehr eine Gänsehaut. Ein Todesschrei, der eigentlich durch Mark und Bein gehen sollte. Stattdessen trete ich meine Zigarette aus, kontrolliere meine Pistole im Holster, entsichere mein Gewehr und renne los. Meine Arme schmerzen, die Beine sind erschöpft. Doch daran habe ich mich längst gewöhnt. Hinter der nächsten Ecke wartet die Independence Avenue – natürlich. Das Museum. Aus der Deckung heraus sondiere ich die Lage. Es riecht nach den True Sons. Dann erkenne ich die Jacken. Kein Zweifel. Einer von ihnen richtet eine Waffe auf eine kniende Frau, deren Schreie weiter durch die Einsamkeit hallen. Gelächter mischt sich dazu, die Gruppe hat offenbar großen Spaß. Ich schaue weiter durch mein Visier. Fünf sind es. Schlagstöcke, Gewehre, schusssichere Westen. Es ist eine Hinrichtung. Mitten am helllichten Tag, dort wo früher Skulpturen standen und Sekt getrunken wurde. Jetzt geht es nur noch um Gewalt und die pervertierte Form vom Gesetz des Stärkeren. Die Bandenmitglieder folgen schon lange keiner Befehlskette mehr. Tue ich das eigentlich noch?



Stille in meinem Kopf. Wie automatisch schicke ich meine Drohne in die Luft. Kurs auf die True Sons. Ich hole tief Luft, lege an – ein tödlicher Schuss löst sich aus meinem Gewehr. Vögel fliegen auf, ich höre Rehe weglaufen, ein gewaltiges Echo flattert durch die Luft, lähmt meine Ohren. Der vermeintliche Anführer ist sofort tot und seine Kameraden haben noch gar nicht richtig begriffen, woher das Blut auf ihren Gesichtern kommt, als ich meiner Drohne den Schussbefehl erteile. Fauchend kreischt das Biest durch die Luft und treibt ratternd die vier Söldner auseinander. Ich rücke weiter vor, ducke mich hinter einer kleinen Mauer. Noch bin ich unsichtbar. Wieder lege ich an, wieder treffe ich. Feige in den Rücken. Egal. Schreiend bricht der Soldat zusammen. Drei noch. Die Drohne raucht schon und scheint jeden Moment leer zu sein, erwischt hat sie niemanden. Meine Widersacher sind nun verschanzt. Ich stöhne auf und greife nach meinem Sturmgewehr. Wieder ist es ganz still, fast friedlich. Nur das leise Wimmern der Frau dringt zu mir durch, die mittlerweile flach auf dem Boden liegt. Dann: Feuer, Lärm, Getöse, Splitter. Die Luft vibriert und hämmernd vernichtet mein Kugelhagel erst seine hölzerne Deckung, dann ihn. Er konnte nur ziellose Schüsse als Antwort abgeben, jetzt ist er tot. Und ich bin nicht mehr unsichtbar. Die beiden übrigen True Sons belegen mich mit Sperrfeuer, um mich herum scheint alles im Chaos zu versinken. Ich lehne tief hinter meiner Deckung. Stein. Solider Stein. Meine Granaten will ich nicht verschwenden. Ich hocke mich hin und laufe die Mauer nach rechts entlang. Sie nimmt eine Kurve, das passt. Ich schnelle nach oben hervor und wie wahnsinnig feuere ich ein ganzes Magazin in Richtung meiner Feinde. Es funktioniert. Panisch rennt der Vordere nach hinten weg, will sich in Sicherheit flüchten, aber eine meiner letzten Kugeln trifft ihn in die Hüfte. Er geht zu Boden, regungslos. Die Moral des Fünften dürfte somit erloschen sein. Sporadisch feuert er mit seiner Pistole, die er über die Deckung hält. Unkontrolliert. Verzweifelt. Ich lasse mein Sturmgewehr fallen, zücke mein kleines MG und sprinte los, erschieße den am Boden liegenden Vierten und hechte dann weiter nach vorn. Vorbei an der kleinen Wand und stehe direkt vor Nummer Fünf, der nicht mehr reagieren kann. Unsere Augen begegnen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Kälte. Angst. Einen Wimpernschlag danach ist sein Leben vorbei.

Ich helfe der zitternden Frau hoch, sie erzählt mir von ihrem Camp – aber ich höre nicht zu. Ein paar Meter begleite ich sie noch, mein Blick ist längst in die Ferne gerichtet, als uns drei Sammler entgegenkommen. Das Wiedersehen rührt alle zu Tränen. Ich nicke stumm und ziehe weiter. Zurück in die Häuserschluchten und zerbombten Parks, zurück in das, was übrig ist. In den Dschungel aus Rost, Metall, Dreck und Stacheldraht. Um das zu schützen, was noch schützenswert ist. Vor den Monstern, die einst Menschen waren.



The Division 2 ist ein detailliertes und bildgewaltiges Actionspiel, das mit einer umfangreichen Kampagne, zahllosen Missionen und Aufgaben, einem kompromisslosen Mehrspieler und einer Komplexität zu überzeugen weiß, die einem bisweilen fast den Atem raubt. Erst nach vielen Stunden ist man im Einzelspieler am Ende der Story angekommen, hat danach aber weiterhin alle Hände voll zu tun. Jedenfalls, wenn man ein Freund von Games as a service ist. The Division war schon im ersten Teil darauf ausgelegt, euch mit der Jagd nach Ausrüstung und der Optimierung eurer Figur wochenlang auf Trab zu halten – und es gelingt erneut. Ein wenig ironisch, dass ich das Spiel einst nach ca. 50 Stunden beendet und erst jetzt, in Zeiten von COVID-19, erneut begonnen habe. Aber tatsächlich zieht es mich wieder in seinen Bann, vielleicht sogar stärker. Mittlerweile gibt es hochgeschätzte DLCs und natürlich beginnt der Zyklus von neuem, bei dem unfassbare Motivation und dezente Langeweile sich in Harmonie abwechseln. Das Endgame war insbesondere im ersten halben Jahr nicht so richtig zu gebrauchen, jetzt ist es besser. Bis man dort angelangt ist, vergeht eine Menge Zeit. Ich sitze freudig und angespannt vor dem Fernseher, tauche ein in dieses audiovisuelle Meisterwerk und bin immer wieder von dessen Qualität begeistert. Ein packendes und dramatisches Spiel, detailverliebt und durchdacht.


★★★★★★     (sehr gut)

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Genre: Action
Entwickler: Massive Entertainment
Publisher: Ubisoft

Release: März 2019
getestet: Oktober 2020 // Xbox One // pal deutsch